Orientierungslauf in Deutschland


Tilo is back

Nach dreijähriger Abstinenz kehrt Tilo Pompe 2004 ins deutsche Nationalteam zurück. Der 33-jährige gebürtige Dresdner kann dabei auf die Erfahrung von 10 früheren Jahren im Nationalteam zurückgreifen. Starts bei drei Weltmeisterschaften mit Platz 36 auf der Kurzstrecke in Grimstad/Norwegen als beste Einzelplatzierung sprechen eine deutliche Sprache für sein Leistungsvermögen. Muß sich die Herren-Konkurrenz im nächsten Jahr richtig warm anziehen? Wir wollten mehr über Tilos Pläne, die Geheimnisse des Erfolges und seine Planungen erfahren.

Tilo Pompe als "Amateur: beim 24-Stunden-OL 2003 wird er mit seinem Team 2.
Tilo Pompe als "Amateur: beim 24-Stunden-OL 2003 wird er mit seinem Team 2.

Tilo, für die Nationalmannschaft bewirbt man sich ja nicht einfach so. Was sind Deine OL-Ziele für 2004?


Tilo: Ich möchte national aber eben auch international noch einmal eine ganze Saison richtig dabei sein, Ingo national mehr Konkurrenz bieten und den jüngeren Läufern zeigen, dass nicht allein die Dynamik der Jugend und umfangreiches Training ausreicht um vorn zu sein und zu bleiben. Dabei sehe ich vordere Platzierungen bei den nationalen Meisterschaften genauso als Ziele wie die Höhepunkte der WM in Schweden und des Weltcup-Finales in Dresden.

Hast du auch längerfristige Ziele?


Tilo:Viele. familiäre und berufliche stehen dabei wohl mehr im Mittelpunkt als leistungssportliche. Jedoch möchte ich auch auf sportlichem Gebiet fit bleiben und wie in den letzten Jahren bei Gelegenheit die jüngeren Läufer an ihre Hausaufgaben erinnern dürfen.

Du hast in diesem Jahr geheiratet. Außerdem bist Du seit kurzem Vater. Wie schaffst du eine gezielte Vorbereitung trotz der Dreifachbelastung Familie, Beruf und Leistungssport?


Tilo:Das ist die große Unklarheit, welche ich zur Zeit selber noch habe. Aber wenn man keine Wünsche und Ziele hat, kann man auch nichts erreichen. Sicherlich werde ich nicht mit solch einem Zeitaufwand trainieren können wie während meiner Studentenzeit. Jedoch möchte ich mehr und zielgerichteter trainieren als in den letzten Jahren, und denke, dass ich mit der Erfahrung der letzten Jahre und einem effektivem Training gute sportliche Leistungen erreichen kann. Zu den Freuden und Belastungen des Vaterseins habe ich aber noch keine Erfahrungen, so dass ich sehen muss, wie Katja und ich das hinbekommen.

Das Nationalteam befindet sich in einen Umbruch, da viele junge Läufer nachkommen. Du bist jetzt klar der Älteste! Dieses Jahr haben die „jungen Wilden“ schon mal gezeigt, dass sie den erfahrenen Läufern ordentlich „einheizen“ wollen.
Wie siehst du da Deine Rolle in der Mannschaft?


Tilo:Ich würde da zwei Aufgaben sehen. Zum einen möchte ich durch meine Leistungen die Mannschaft insgesamt und besonders bei Staffelläufen unterstützen. Zum anderen möchte ich bei Bedarf meine Erfahrungen zum Training und zur Wettkampfvorbereitung an die Jüngeren weitergeben.

...Du wohnst in Dresden, da kannst Du vor der Haustüre anfangen. Als Trainingspartner stehen dir neben den zahlreichen „Dresdner Altstars“ auch Christian Teich, Daniel Härtelt und neuerdings auch Leif Bader zur Seite.
Inwiefern profitierst Du auch von Ihnen und von Deinem restlichen Trainingsumfeld?


Tilo: Dresden bietet ein sehr gutes Pflaster um als Orientierungsläufer zu trainieren. Einerseits gibt es durch 4 Sportvereine zahlreiche feste Trainingstermine, so dass es eigentlich täglich eine Möglichkeit gibt, gemeinsam mit anderen zu trainieren. Sicherlich hat in den letzten Jahren die Qualität (in Bezug auf die Intensität) etwas nachgelassen, da nicht mehr genügend leistungsorientierte Sportler zu den jeweiligen Trainings kamen. Aber ich denke, dass sich das auch wieder ändern kann. Dafür gibt es auch schon Bestrebungen von Lücke (Andreas Lückmann), alle Trainingswütigen in und um Dresden auf die vorhandenen Möglichkeiten aufmerksam zu machen und zusammenzuführen, damit dort öfters wieder richtig die "Post" (oder auch ein "Planet") abgeht.

Wenn ich den Namen Tilo Pompe höre, muss ich immer an einen Läufer denken, der sich bis weit über seine eigene „Kotzgrenze“ auspowern kann. In harten Trainingseinheiten wirst du immer als Paradebeispiel angeführt, wenn jemand vor Erschöpfung am aufgeben ist. Wie machst du das?


Tilo: Ich glaube, dass ich eine solche Frage schlecht beantworten kann. Sicherlich gelingt es mir oft bei wichtigen Wettkämpfen bis ans Limit zu gehen. Woher man aber den gewissen Masochismus beim Training nimmt, kann ich nicht genau sagen. Auf jeden Fall muss man sich genug Ausgleich und Abwechslung schaffen, damit man (fast) immer noch richtig Lust zum Trainieren hat. Zu dem sollte man sich eigene Niederlagen und Schwächen eingestehen und zielgerichtet bearbeiten. Das heißt nicht nur darüber reden und nachdenken, sondern auch durch intensives Training aggressiv bekämpfen.

Hast du auch "spezielle" Trainingseinheiten?


Tilo: In den letzten Jahren bestand mein Training aus relativ wenigen Einheiten. Wenn möglich quer und bergig laufen, dabei in der Saison normales Lauftraining als Tempowechsellauf und OL-Training mehr intervallmäßig. Als Kick und zum Quälen dann noch ein paar Intervalle a 1 min auf hügeligen Waldwegen. Das war es. Ach so. Nebenbei viel Fahrradfahren, zur Arbeit oder 3 Wochen im Urlaub. Das wäre so ein Trainingsplan fürs Jahr.

Auch in extrem anspruchsvollen Geländetypen machst du kaum Fehler. Beispielweise hast du im letzten Jahr beim Prager Oster-OL, einem Dreitage-Lauf in tschechischem Felsgelände, souverän gewonnen.
Hast du Geheimtipps für diese Sicherheit? Vom Fahrradfahren kann das ja wohl nicht kommen...


Tilo: Ich glaube, dass es da weder Geheimtipps gibt, noch dass ich ein Überflieger bin. Die Konkurrenz zum Prager Oster-OL ist meist nicht so stark. Aber es stimmt natürlich, dass es mir oft gelingt, nicht über mein konzentrationsmäßiges Limit zu gehen. Im Gegensatz dazu erinnere ich mich auch an die WM 1999 in Schottland, welche ein einziges Fiasko war, auch besonders wegen der Fehler. Die große Kunst beim OL ist eben nicht der Schnellste zu sein, sondern rechtzeitig langsamer zu werden oder stehen zu bleiben. Ich denke, geschuldet durch das typische deutsche Gelände, sind zu viele Läufer bei uns zu sehr auf die Laufkomponente geeicht. Da hilft nur Training und Wettkampf in schwierigem Gelände und besonders am Ende, wenn es hart wird, auch geistig nicht nachzulassen.

Welche Geländetypen liegen dir besonders?


Wie schon gesagt. Schwierig muss es sein und schön bergig. Bei längeren Laufpassagen schlafe ich immer im Kopfe ein und mache dann auch Fehler. Flachland rennen und Cross mache ich zwar auch ab und zu mit, aber ist nicht so mein Ding. Ich mag es mehr, wenn das Gelände selektiv ist, auch wenn es dann eben einmal mich erwischt.

Als abschließende Frage möchte ich wissen, ob du dem Nachwuchs was mit auf dem Weg geben kannst, damit der auch mal so stark wird wie du?


Tilo: Ich denke, in den vorherigen Antworten steckt schon einiges. Ansonsten würde ich noch einmal betonen, dass die jüngeren Läuferinnen und Läufer akzeptieren sollten, dass es bei Training und Wettkampf auch einmal richtig wehtun muss. Man muss sich da durchbeißen und kann nicht hoffen, dass der Trainer irgendwelche Begründungen annimmt. Das hilft zwar vielleicht manchmal kurzfristig beim Trainer, aber langfristig einem selber nicht. Nach einer Weile glaubt man dann auch seinen eigenen Ausreden.
Jedoch sollte man trotz eines harten Trainings nie den Spaß und die Freude am OL und an dem Leben drum herum aus den Augen verlieren.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Daniel Härtelt.


Mehr:
noch mehr Interview: Tilo über OL in einem älteren Interview

Autor: Ingo Horst
Eingestellt am 18.01.2004

© 2001-2017 TK OLImpressum