Orientierungslauf in Deutschland


Elitetipp Dezember: Das Bahnleger-Einmaleins

Im Dezember gab es so einige meiner liebsten Elitetipps. In dieser ruhigen Zeit kann man sich mal abseits der Wettkampfhektik ganz anderen Themen widmen. Da ich im nächsten Jahr zusammen mit OLern aus Budenheim, Mainz und meinen Vereinskollegen aus Königstein den Jugend- und Junioren-Ländervergleichskampf organisieren werde, kommt das Thema Bahnlegung gerade recht und ich habe das russische Orientierungslauf-„Urgestein“ Vladimir Posendrovitsch um einen Tipp gebeten. JLVK-Teilnehmer aufgepasst!

der Elitetipp
der Elitetipp  Foto: Ingo Horst

Mein heutiges Thema ist Bahnlegung, womit ich mich als sibirischer Wettkampforganisator auch bestens auskenne.
Meine „berühmtesten“ Bahnen waren die für die Westsibirische Meisterschaft 1976 oder auch die für die geschlossenen kaukasischen Langstreckenmeisterschaften 1978. Aus diesem Erfahrungsschatz möchte ich heute einige wertvolle Tipps geben.

Kameraden!

Schwere Bahnen zu legen ist schwer, leichte Bahnen zu legen ist leicht. Eine leichte Bahn legen kann jedes Kind! Alles, an was man da denken muss, ist die Posten an „Leitlinien“ zu hängen, die die Läufer nur entlanglaufen müssen. Beispiele für solche Leitlinien sind Autobahnen, Pipelines, Hochspannungsleitungen, hohe Mauern oder Eisenbahntrassen.
Stellt die Posten einfach direkt auf Kreuzungen oder andere herausragende Punkte und ihr bekommt eine ausgezeichnete Jugendbahn!

Es ist bedeutend schwerer, Bahnen mit Elitecharakter zu legen. Es ist unsere Aufgabe als Bahnleger, so schwere, steile, grüne, technische und allgemein gesagt harte Bahnen zu legen wie irgend möglich, damit auch der beste Eliteläufer über die Grenzen seiner körperlichen und mentalen Fähigkeiten kommt.
Genau das ist das Schwere, aber auch das Inspirierende an unserem Jobb. Es ist ein fantastisches Gefühl, als Bahnleger am Zieleinlauf zu stehen und zu sehen, wie sich die total ausgebrannten Körper ins Ziel schleppen, man nur das rasselnde Atmen und Stöhnen aus den ausgezehrten Kehlen hört und sich die freiwilligen Rotkreuz- Helfer und Ärzte darum bemühen, die einige Stunden vorher noch so selbstbewussten und energiegeladenen Läufer am Leben zu halten oder wieder ins Leben zurückzuholen.
Wenn ich das sehe und weiß, all dies ist MEIN Werk, dann fühle ich mich wirklich stolz und zufrieden und weiß, dass ich das Ziel erreicht habe und sich die viele Arbeit gelohnt hat.

Um an dieses Ziel zu gelangen, gibt es einige Grundregeln, die man beachten MUSS:


+ Die Karte muss an allen wesentlichen Punkten falsch und insgesamt verzerrt sein. Wenn die Karte stimmt, dann ist ja schon vorprogrammiert, dass mit den heutzutage so leistungsstarken Eliteläufern der Wettkampf ungefähr so interessant wird, als würden alle im Stadion ein paar Runden drehen.

+ ein guter Tipp ist auch die in Fachkreisen „Tuning“ genannte Manipulation der Karte: konsequent überzeichnen, Mindestabstände zwischen den Symbolen ignorieren, Symbolgrößen verkleinern damit mehr auf die Karte passt oder ganz neue Symbole erfinden (ich liebe mein Symbol für Laubhaufen, ein grünes Doppelkreuz! Mit grauer Unterlegung der tatsächlichen Umrisse), Hochsitze und andere verräterische Symbole drehen, Nordlinien ohne Berücksichtigung der Nadelabweichung einzeichnen und mit diesen wichtige anderen Symbole darunter verdecken, … aber das machen ja eh die meisten von euch schon.

+ warum nicht die Höhenlinien auf der Karte sich einfach mal kreuzen lassen? Auch OLer dürfen beim Laufen mal den Kopf anstrengen, ich sage nur Denksport!

+ Die Entfernung WKZ- Start soll nicht weniger als 7 Werst betragen. Gebt aber gerne in der Ausschreibung 600m oder ähnliches an, damit die Läufer gezwungen werden, sich gewissenhaft aufzuwärmen. (Anmerkung der Redaktion: 16 Werschok = 1 Arschin, 48 Werschok = 1 Saschen, 1 Werst /Wersta = 500 Saschen= 1500 Arschin = 24.000 Werschok = 1067 ¾ Meter)

+ Getränkeposten sind tabu. Sie sollen ja nur dazu dienen, die Läufer zu erfrischen. Und das ist wohl nicht Sinn und Zweck eines Elitewettkampfes. Gebt aber gerne auf der Karte an, dass es Getränkeposten gibt; der negative psychische Effekt auf die Läufer, die völlig ausgedurstet an solch einem Posten ankommen, ist nicht zu unterschätzen!

+ Um das Risiko zu minimieren, dass manche Läufer physisch oder psychisch auf den Wettkampf gut vorbereitet sind, schlage ich vor, dass die Strecke immer mindestens 1,5 x so lang ist, wie in der Ausschreibung angegeben. Ein herrlicher Trick: Behaupten, die Karte wäre 1 : 10.000 und in Wirklichkeit ist sie so um die 1: 15.000.

+ Betreffend der Bahnanlage gibt es die bekannte Regel, dass „der größtmögliche Teil der Bahn durch Dreiergrün geht“ (die sogenannte DGMTDBDDGG-Regel). Dies ist für viele selbstverständlich, sei aber hier nochmals betont.


Falls die Karte nicht grün genug ist, werde ich nun einige Tipps für andere gut geeignete Gelände geben, die man nutzen kann:

+ Sümpfe; speziell im Frühling, wenn sie extranass und „saugend“ sind

+ Seen: auch diese sind besonders geeignet im Februar, wenn sie mit einer dünnen, trügerischen Eisfläche bedeckt sind. Es kann herrlich lustige Effekte geben, wenn man sie betritt. Ich empfehle solche Übergänge als Zuschauerposten; das wird unheimlich kurzweilig.

+ Steiniges Gebiet, das fast automatisch zu Umknicken, Beinbrüchen oder Aufschürfungen führt und damit die im Elitefeld versteckten Weicheier und Grün-Eins-Umlaufer aussortiert.

+ Lange und schwerbelaufbare, möglichst senkrechte Steigungen mit dichtem Bewuchs oder lebensgefährliche Bergabpassagen mit versteckten und hohen Felswänden, die schwer von oben zu sehen sind, gerne zusätzlich noch Stacheldrahtzäune mitten im Hang, wo es gerade mal gut zu belaufen ist.

+ Gerne setze ich auch einen Posten gegen Ende der Bahn auf einen steilen Berg, wo man zuerst mühevoll hoch- und dann an der selben Stelle wieder lebensgefährlich runter muss.

+ Straßenüberquerungen über Schnellstraßen, am besten in Kurven

Kartenbeispiel 1: Posten "zwischen den Gleisen"
Kartenbeispiel 1: Posten "zwischen den Gleisen"  Foto: Vladimir Posendrovitsch, sibirische Meisterschaft 1976

Die Posten sind ja leider sehr groß und damit gut zu sehen, worauf der Bahnleger durch kluge Wahl der genauen Postenstandorte aber bedingt Einfluss nehmen kann: mitten in unklaren Hilfshöhenlinien, in Gebieten, mit vielen Steinen oder Löchern, von denen aber nur einige wenige in der Karte sind usw.

Als Grundregel gebe ich meinen Postensetzern mit auf den Weg, dass die Posten immer gut versteckt sein müssen und nicht weiter als in einem Umkreis von 1,5m gesehen werden können sollen. Bäume mit tiefhängenden Ästen, große Steine oder ein wenig Erde auf das verräterische rot der Postenschirme geschmiert, verstecken die natürlich ausgebleichten Schirme noch weiter. Falls es anders unmöglich ist, den Posten zu tarnen, hilft nur das letzte Mittel: ihn in der Erde einzugraben.

Im übrigen werden einige Probeläufer vorgeschickt um zu kontrollieren, dass die Posten alle falsch sitzen und dass die Codenummern vertauscht und genügend undeutlich geschrieben sind.

So, nun wisst ihr, wie es funktioniert, eine gute Elitebahn zu legen und ihr habt vielleicht eine Ahnung bekommen, was alles für einen gelungenen Wettkampf zu beachten ist. Eine Männerbahn, bei der nicht alle danach über die Bahn schimpfen, ist kein richtiger Wettkampf!

Viel Glück als Bahnleger! Und denkt daran, dass ein Wettkampf nur dann gelungen ist, wenn mindestens die Hälfte ohne alle Posten ins Ziel kommen.

Einen herzlichen Turnergruß!
Es lebe der stolze und herrliche Orientierungslaufsport!



Autor: Vladimir Posendrovitsch
russisches Orientierungslauf-„Urgestein“

Kartenbeispiel 2: "Stein, 1m Ost-Südostseite"
Kartenbeispiel 2: "Stein, 1m Ost-Südostseite"  Foto: Vladimir Posendrovitsch

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

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Autor: Ingo Horst
Eingestellt am 15.12.2019

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