Orientierungslauf in Deutschland


Sprint-OL: einfach nur OL in der Stadt?

Der Sprint-OL entwickelte sich in den 1990er-Jahren aus dem Wald-OL, um OL für die Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Was am Anfang nur eine abgespeckte Version des OLs in der Wildnis war (mit einigen Showeffekten für die Kameras) hat sich durch die große Detailgenauigkeit der Kartenaufnahme zu einer ganz eigenen Wettkampfdiziplin innerhalb der Orientierungssport-Familie entwickelt.
Der Elitetipp hat als Zielstellung der OL-Gemeinschaft Ansätze und Tipps zum Verbessern der eigenen OL-Fähigkeiten zu geben. Bevor es jedoch wirklich um das Training für den Sprint-OL geht sollten sich einige Dinge, speziell Unterschiede, zum ´klassischen´ OL bewusst gemacht werden. Denn genauso wenig wie ein OL im Wald ein Crosslauf ist, ist ein Sprint genauso wenig ein 5km Altstadtlauf.

der Elitetipp
der Elitetipp  Foto: Ingo Horst

Im Allgemeinen unterscheidet sich ein Sprint Wettkampf zwar nicht wirklich vom normalen OL. Die Aufgabenstellung ist jedoch immer noch dieselbe: vom Start aus muss man während des Laufens mit Hilfe der Karte durch das Gelände die eigene Route von Posten zu Posten planen und finden.

Der auffälligste Unterschied ist der zumeist andere Geländetyp, nämlich die urbane Landschaft, also Stadt, Dorf und Park anstatt Wald und Wildnis. Hinzu kommt -wie der Name der Disziplin selbst natürlich verrät- die kürzere Laufzeit. Daraus folgt wiederum eine viel höhere Laufgeschwindigkeit. Diese erhöhte physische Belastung erhöht bzw. kreiert dadurch dann erst die Schwierigkeit des Sprints. Daher ist die Aussage: „Der Sprint war einfach, trotzdem habe ich hier und dort Fehler gemacht“ oftmals ein Trugschluss, weil beim Sprint die größte Herausforderung neben der Bahnanlage vor allem darin besteht, genau so schnell zu laufen, dass man keinen Fehler macht.

Gleichzeitig bewegt man sich nicht nur physisch schneller durchs Gelände, sondern auf Grund des Maßstabs ist man auch virtuell viel schneller in der Karte unterwegs, so dass auch alle Entscheidungen viel schneller getroffen werden müssen.

Außerdem weist eine Sprint-Karte durch größeren Maßstab und anderer Kartierungsnorm (ISSprOM – International Specification for Sprint Orienteering Maps) andere Eigenschaften und Besonderheiten auf, wie zum Beispiel eine sehr hohe Detail- und Objekt-Abbildung. Zudem ist auf einer Stadt-Karte im Gegensatz zur Wald-Karte sehr klar dargestellt wo man laufen kann bzw. darf und wo nicht, sodass durch das Straßen- und Häusernetz eine Karte entsteht, welche in gewisser Weise einem Labyrinth ähnelt. Dies hat zur Folge, dass viele „eckige“ Routen sowie einfache und komplizierte Links-Rechts-Routenwahlen entstehen. Weiter gedacht bedeutet es aber auch, dass man eine Karte viel einfacher betrachten kann und noch viel weiter auf das für die Route Wichtige reduzieren kann, sprich ein- und ausblenden von relevanten bzw. unrelevanten Informationen, sowie vereinfachte Betrachtung der Karte durch „Labyrinth-Betrachtung“. Diese Erkenntnis hat für den Wettkampf unter höchstem Tempo eine zentrale Bedeutung.

eine Sprintbahn
eine Sprintbahn  Foto: Ingo Horst

Wichtige Fähigkeiten in einem Sprint-OL

Es steht außer Frage, dass die physischen Fähigkeiten im Sprint eine wichtige Rolle spielen, jedoch heißt das noch lange nicht, dass der Schnellste immer gewinnt (siehe spez. Welt-Elite K. Jones/Y. Michels und z.B. D. Hubmann). Wenn man sich nun die vorherigen Punkte bewusst gemacht hat merkt man schnell, dass das ganze Konzept im Sprint sich doch schon deutlich vom klassischen Wald OL unterscheidet, sodass auch die anzuwendende Methodik eine andere sein muss. Natürlich funktionieren Basistechniken und -Taktiken wie Verlängern und Vergrößern auch im Sprint, jedoch auch nur teils wirklich sinnvoll und viele andere nicht wirklich … hinzu kommen auch andere.
Im Gegensatz zum Wald funktioniert z.B. die Taktik - „erstmal mit grober Kompassrichtung zum nächsten Posten weiter“ nachdem man den aktuellen Posten gestempelt nicht sehr gut, sodass es unabdingbar ist, vor dem Weiter- bzw. Wiederloslaufen vom Posten seine Route zumindest grob vorausgeplant zu haben.

Routen planen

Ein bekanntes Modell im Sprint dafür ist sich vorzustellen, dass es wie beim Ampel-OL drei Phasen gibt, nämlich grün, gelb und rot. Die grüne Phase ist die, in welcher ich mich bewege und wo die Route schon voll durchgeplant ist. Ich weiß also, was ich sehen will und wo ich wie langlaufen muss. Darauf folgt die gelbe Phase, bei der die Route zum übernächsten Posten grob feststeht. Die dritte/rote Phase ist, dass ich die über-übernächste Verbindung schon einmal angeschaut wurde und mir vielleicht schon Besonderheiten bewusst sind. Natürlich kann man bei guter Routine die Phase jeweils auf mehr als nur eine Postenverbindung beziehen. Persönlich mache ich es so, dass ich mir, wenn der Moment passt einmal die ganze Karte bzw. vielmehr Bahn anschaue, um grob mein ganzes Rennen einzuteilen und schon wichtige Routen zusehen, bei welchen ich mehr Zeit zum Vorplanen benötige.

Wie im Wald gibt es auch im Sprint unterschiedliche Typen von Routen und Verbindungen, es kann lange, mittlere oder kurze Routen geben mit unterschiedlichem Grad an Routenwahl-Schwierigkeit. Alles Andere fällt in die Kategorie ´Reine Ausführung´, das heißt, hierbei muss keine besondere Routenwahl-Entscheidung getroffen werden, sondern es muss nur schnell gehandelt werden.

Routen ausführen

Bei der Ausführung geht es darum, die vorgeplante Route umzusetzen bzw. auszuführen, also die wichtigen Features im Gelände zu erkennen und zu nutzen.
Zusätzlich ins Spiel kommen beim Sprint die Mikroroutenwahlen, die eher Momententscheidungen sind, als dass sie vorgeplant werden können. Bei Mikroroutenwahlen geht es darum, so effizient wie möglich zu laufen, sprich zum Beispiel großen Bogen in der Kurve oder kleiner, rechts oder links rum um dieses Auto, über das Gras oder den Kiesweg laufen...? Wichtig ist dabei, wie meistens, das richtige Abwägen der Gegebenheiten und der eigenen Fähigkeiten. Bin ich ein guter Treppenläufer? Wenn ich links ums Auto renne, sehe ich dann den Posten gut? Muss ich abbremsen, weil genau dort eine Frau mit Kinderwagen entgegenkommt?



Sprint-OL ist und bleibt also auch ein Orientierungslauf. Er wirkt auf der Karte einfacher, weil man ihn viel schneller abläuft. Jede gewonnen Sekunde ist wichtig. Geschwindigkeit und Techniken wie „Labyrinth-Betrachtung“, Routenwahlen und spontan geplante Mikroroutenwahlen bestimmen über Erfolg und Misserfolg. Wie man das alles trainiert? Das verrate ich euch in einem der nächsten Elitetipps.

Colin Kolbe bei der Park World Tour in Cina
Colin Kolbe bei der Park World Tour in Cina  Foto: Chongqing Photos.

Autor: Colin Kolbe
Junioren-Weltmeister im Sprint-OL von 2018

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

Hast Du Lust, auch über ein Thema zu schreiben, wo Du Dich auskennst?

Oder willst du ein Thema vorschlagen, das mal behandelt werden sollte?

Fragen, Anregungen, Kritik? Mail an ingo.horst@web.de!


Autor: Ingo Horst
Eingestellt am 15.11.2019

© 2001-2019 TK OLImpressum und Datenschutz