Orientierungslauf in Deutschland


Elitetipp im Oktober: Wettkämpfe werden im Kopf gewonnen

Wettkämpfe werden im Kopf gewonnen, ist das nicht prima? Man braucht gar nicht mehr zu trainieren, sondern gewinnt seine Wettkämpfe einfach im Kopf.
Leider oder Gott sei dank ist dieser Spruch anders zu verstehen: Viele Sportler bringen im Wettkampf nicht die Leistung, die sie nach ihren Trainingsleistungen bringen könnten. Schuld an diesem Leistungsverlust ist der Stress. Bei Sportarten, die besonders viel mit „denken“ zu tun haben, wie dem OL, macht er sich besonders bemerkbar.

Elitetipp
Elitetipp  Foto: Ingo Horst

Was ist Stress?
Eigentlich bedeutet der Begriff Stress nur Belastung oder Druck. So ist z.B. Laufen an und für sich schon Stress für den Körper, da es eine Belastung darstellt. Im täglichen Sprachgebrauch wird heute nur noch von Stress gesprochen, wenn es zu Fehlleistungen eines Menschen aufgrund von Belastungen kommt.
Wenn ein Aktiver in einem wichtigen Wettkampf einen Posten nicht findet, den er in einem Training oder einem kleineren Wettkampf sofort gehabt hätte, hat der Stress zugeschlagen.

Was passiert bei Stress?
Da Nahrung in grauer Vorzeit immer knapp war, ist der Mensch von Natur aus darauf ausgelegt, Energie zu sparen. Dieser automatische „Energiesparmodus“ konnte nur bei der Jagd oder beim gejagt werden außer Kraft gesetzt werden. In beiden Situationen war es überlebenswichtig, möglichst schnell viel Energie zur Verfügung zu haben, um die Nahrungsversorgung oder das eigene Überleben sicherzustellen.
Alle Körperfunktionen, die nicht der Jagd oder der Flucht dienten, wurden deshalb gedrosselt und die von ihnen nicht genutzte Energie wurde für die Bewegung genutzt. Zu diesen Funktionen gehören nach wie vor auch die des Großhirns. So ist das Denken unter Stress sehr eingeschränkt. Vermutlich liegt das daran, dass einfache Reaktionen wie Jagen oder Fliehen vom Unterbewusstsein schneller angesteuert werden.
Stress ist also eine Art Energieregelsystem. Dieses System kann nicht durch unser Denken gesteuert werden.

Wo entstehen die Probleme bei Stress?
Bei den ursprünglichen Stresssituationen war es notwendig möglichst schnell zu fliehen oder zuzuschlagen. Heute gibt es im Alltag des Menschen allerdings Stresssituationen, die sich deutlich von den früheren unterscheiden. Sowohl bei der Klassenarbeit in der Schule als auch bei wichtigen OL-Wettkämpfen entsteht Stress. Die ursprüngliche Reaktion eines Menschen wäre hier, das Denken auszuschalten und weglaufen. Sein Denken zwingt ihn aber, nicht wegzulaufen, sondern weiter in dieser Stresssituation zu bleiben. Bei diesem Konflikt bekommt er häufig Probleme: In der Klassenarbeit kann er sich nicht mehr daran erinnern, was er gelernt hat. Im Wettkampf kann er verschiedene Probleme bekommen. Z.B. läuft er einfach weiter, obwohl er eigentlich nicht mehr weiß, wo er gerade ist oder er hat weiche Beine und fühlt sich kraftlos oder er ist im Wettkampf müde und unkonzentriert.

Wie können wir mit Stress umgehen?
Wir können Stress weder unterdrücken noch können wir ihn bewusst steuern, dennoch gibt es Möglichkeiten, mit Stress erfolgreich umzugehen. Zunächst können wir uns da ganz dumm stellen und stellen uns die Dampfmaschien des Schölers Pfeifer (Film: die Feuerzangenbowle) vor.
Der Dampf ist der Stress und die Maschine sind wir. Je wichtiger ein Wettkampf ist, desto mehr wird die Maschine angeheizt. Machen wir alle Ventile zu, bemerkt niemand den Dampf in unserem Inneren, allerdings steigt der Druck in uns. Schließlich wird der Druck so hoch, dass die ersten Nieten aus der Maschine fliegen und der austretende Dampf drückt uns z.B. locker rechts (oder links) am ersten Posten vorbei. Egal, wo uns die ersten Nieten rausfliegen, allen Situationen ist gemeinsam, dass wir den Druckabfall erst bemerken, wenn wir einen wesentlichen Schaden davon haben. In der Regel ist dies ein unnötiger O-Fehler, der um so größer ist, je wichtiger der Wettkampf ist.
Die Lösung für dieses Problem ist in der Theorie so einfach, wie sie in der Praxis schwierig umzusetzen ist. Man braucht nur das richtige Ventil weit genug zu öffnen, damit der Dampf in die Zylinder strömt und die Maschine vorantreibt. Nur ist weder der Druck noch das richtige Ventil einfach zu fühlen. Es bedarf daher einiger Übung um das richtige Ventil zu finden.
Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, ohne Druck läuft unsere Maschine nicht. Also ohne Stress bringen wir auch keine Wettkampfleistung.

PRAKTISCHE VORSCHLÄGE ZUM UMGANG MIT STRESS

Ein Ventil finden
Man stellt sich seinen Zielwettkampf vor, wie man anreist, wie man an den Start geht, wie man läuft, wie man ins Ziel kommt und wie man geehrt wird. Wenn diese Vorstellung realistisch genug ist (und man sich ein paar Plätze höher geträumt hat), bemerkt man Veränderungen am Körper z.B., dass das Herz schneller schlägt, dass man einen Druck auf der Brust hat oder der Schweiß ausbricht. Das Ventil ist offen: Der Körper lässt Druck, Stress ab.
Achtung, nicht vergessen, das Ventil zu schließen: Die Übung sollte nach einiger Zeit bewusst beendet werden, indem man sich wieder auf die Dinge des Alltags konzentriert oder ein Buch zur Hand nimmt.
Die Übung sollte, zu Beginn, in ruhiger Umgebung eingeübt werden.

Ein undichtes Ventil schließen:
Grade direkt vor einem Wettkampf kreisen oft alle Gedanken um dieses wichtige Ereignis. Durch diesen permanenten Stress verbraucht der Körper so viel Energie, dass er sich im Wettkampf schlapp fühlt und die Beine „weich“ sind. Hier reicht kein Buch mehr, um sich abzulenken. Hier sind gezielte Entspannungsmethoden notwendig. Auf dem Markt gibt es viele Methoden, die gut beschrieben sind z.B. Progressive Muskelentspannung nach Jakobson oder mentales Training(siehe Elitetipp im Juli). Die Schwierigkeit liegt hier weder in der richtigen Durchführung einer Methode noch in der Wahl der richtigen Methode, sondern darin zu erkennen, wie viel Stress man braucht.

Druck auf die Zylinder bekommen/Stress nutzen
Stress wird besonders gut bei Bewegung abgebaut Dieser Effekt lässt sich gut für das Training nutzen. Training fällt besonders bei schlechtem Wetter schwer. Führt man die erste Übung, ein Ventil finden, zu Beginn oder im Training durch, fällt einem dieses gleich viel leichter. Besonders wenn man daran denkt, dass das Training einen für diesen Wettkampf weiterbringt.

Stress und Erwartung
Je höher meine Erwartung an die Wettkampfleistung ist, desto größer ist der Stress. Dabei ist mit der Höhe der Erwartung der Unterschied zwischen der Leistung in einem vergleichbaren Wettkampf in der Vergangenheit und dem Zielwettkampf gemeint. Wenn ich zweimal unter den ersten sechs bei einer WM war und nun unter die ersten drei laufen will, ist meine Erwartung geringer, als wenn ich die Qualifikation für die Elite gerade noch geschafft habe und nun Deutscher Meister werden will.
Eine geringere Erwartung führt also zu weniger Stress.

Stress im Wettkampf
Während eines Wettkampfes ist eine Stressregulierung nahezu unmöglich. Alle Maßnahmen zur Stressregulierung sollten daher vor dem Start ablaufen.
Alles Fremde und Unbekannte ist eine potenzielle Gefahr für den Menschen, deshalb erhöht sie den Stress. Daher ist es wichtig, möglichst viel über den Wettkampf zu wissen. Dazu gehört nicht nur der Maßstab der Karte, sondern der Weg zum Start, eine genaue Auswertung des Modellevents, der Wetterbericht,....Dabei gilt: Kein Detail ist zu unwichtig, um es zu übersehen, denn an allen genannten Punkten (und einigen mehr) sind schon gute WM-Läufe gescheitert. Ein weiterer Faktor, um Stress zu vermeiden, ist eine gut eingeübte Startvorbereitung. Dazu gehört, wo sind Schuhe, Startnummer, Chip, Kompass,.. und ein möglichst genauer Zeitplan zur Vorbereitung, denn nichts ist schlimmer als den Gang auf das Klo zu streichen, damit man noch pünktlich zum Start kommt.
Schließlich sollte der Körper bis zum Startaugenblick in Bewegung gehalten werden, denn so wird noch einmal Stress abgebaut. Dies macht sich besonders am ersten Posten bemerkbar, da dieser sonst meist durch den in der Vorstartphase noch entstandenen Stress „verzockt“ wird.

Ying und Yang oder der Stressmeister
Der Meister in der Stressbewältigung hat immer das richtige Maß an Stress oder den richtigen Erregungszustand.
Er liegt zwischen zwei Punkten.
Je mehr Stress wir haben, desto schneller können wir laufen.
Je weniger Stress wir haben, desto besser können wir orientieren.
Wenn Euch das auf Anhieb nicht gelingt, tröstet Euch damit, dass sich an dem Stressproblem seit Jahren die besten Sportwissenschaftler die Zähne ausbeißen.

Viel Stress bei den nächsten Wettkämpfen, wünscht euch Thilo


Autor: Thilo Bruns
ehemaliger Jugend- und Juniorenkadertrainer

Ying und Yang; der Stressmeister
Ying und Yang; der Stressmeister


Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

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Autor: Ingo Horst
Eingestellt am 16.10.2019

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