Orientierungslauf in Deutschland


Elitetipp im August: Staffeltaktik

Alle Orientierungsläufer wissen es: Eine Staffel ist nicht die Addition der Einzellaufergebnisse der Staffelmitglieder. Staffelläufe haben ihre Tücken und ganz unerklärlich machen die Staffelkameraden Fehler, die sie bei Einzelläufen nicht machen. Staffeln, die man aufgrund der Einzelresultate der Läufer nie ganz vorne einordnen würde gewinnen plötzlich und Favoriten gehen irgendwo unter. Aber warum ist das so? Was sind die Besonderheiten der Staffeltaktik, was kann man beachten?

Elitetipp im August
Elitetipp im August  Foto: Ingo Horst

Wettkampf Mann gegen Mann
Im Gegensatz zum Einzellauf, wo hintereinander gestartet wird und das Nachlaufen verboten ist, gibt es bei der Staffel den Massenstart. Nachlaufen ist erlaubt, dagegen gibt es Gabelposten. Die Staffel, die als erstes die Ziellinie überquert, hat gewonnen. Egal, ob der Läufer bis ins Ziel nur hinterhergerannt ist oder immer voraus.
Dieser dauernde Gegnerkontakt ist ein Grund, warum so oft Favoriten riesige Fehler machen: Sie sind mental nicht richtig darauf eingestellt.

Die richtige Einstellung finden
Bei der Staffel können die Läufer in ganz kurzer Zeit mit verschiedensten Situationen konfrontiert werden, die großen Einfluss auf die Motivation und Leistungsbereitschaft haben: z.B. der Startläufer kommt unerwartet ganz vorne wieder oder er kommt ewig spät, obwohl er doch am Sichtposten noch dabei war! Hier muss also der Wechselläufer fähig sein, innerhalb ganz kurzer Zeit mit verschiedenen Situationen fertig werden, um selbst einen optimalen Lauf zu machen.

Was braucht man und was hat man
Um aus z.B. drei Läufern eine gute Staffel zu machen, muss man sich zunächst über zwei Dinge klar werden: Was wird auf den einzelnen Staffelpositionen gefordert und was können die einzelnen Staffelmitglieder besonders gut oder schlecht.
Dafür gibt es aber kein Patentrezept, denn je nachdem, mit welchen Zielen die Staffeln an den Start geht, ändern sich die Aufgaben der einzelnen Strecken gewaltig. Beispielsweise ist es ein großer Unterschied, ob eine Staffel das Ziel hat, zu gewinnen, oder einen Platz unter den ersten 10 erreichen will.

Wahrscheinlichkeiten bedenken
Voraussetzung für eine optimale Staffelaufstellung ist also eine detaillierte Analyse der SITUATIONEN, die AUFTRETEN KÖNNEN sowie ein Abschätzen der WAHRSCHEINLICHKEITEN, dass diese Situationen auftreten WERDEN.
z.B. wird als letzter Läufer gerne voreilig der Läufer mit der besseren Sprintkapazität genommen. Aber wie oft wir eine Staffel im Sprint entschieden? Fast nie (=Wahrscheinlichkeit sehr gering)! Es kommt meist auf die Posten kurz vorher an. Und kann der Läufer überhaupt nach einer harten Schlussstrecke noch sprinten?
Ein anderer Fehler, der manchmal gemacht wird ist der, dass schwächere Staffeln ihren schlechten Läufer an den Start setzten weil sie hoffen, er könnte von den anderen beim Massenstart profitieren. Meist kann er das nicht wie erwartet, weil er einfach läuferisch nicht mithalten kann oder irgendwo mal ”verzockt” (dafür ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch). Das Problem ist dann, dass die anderen besseren Staffelkollegen allein ”ihr Ding” machen müssen und so zusätzliche Zeit auf die Spitze verlieren. Hier ist es oft besser mit den guten Läufern zu starten. Der schlechte Läufer wird dann zwar im Laufe des Rennens nach und nach von anderen Läufern überholt, profitiert dadurch aber letztendlich mehr, als wenn nach einem missglückten Gabelposten alle weg sind.

Staffelerfahrung sammeln
”Staffelerfahrung sammeln” hört man häufig als pauschalen Rat des Trainers. Aber es stimmt, genauso wie man Einzelwettkämpfe durch Teilnahme an Wettkämpfen lernt, genauso muss man einige Staffeln laufen, um verschiedene Staffelsituationen schon mal mitgemacht zu haben und daraus seine Lehren zu ziehen. Nicht nur für die einzelnen Läufer ist das wichtig, sondern auch für die Staffel im Ganzen. Oft ist es vielleicht besser, wenn nicht der ”Star-Startläufer” einer Staffel anläuft, weil er auch auf der Schlussstrecke nicht viel schlechter ist, sein Kollege damit aber überhaupt nicht zurechtkommt. ”Staffelerfahrung sammeln” hat aber vor allem auch etwas mit mentalem Training zu tun. Wer viele mögliche Situationen durchgespielt hat und sich dazu Handlungsabläufe überlegt hat, der steht dann nicht überrascht im Wald, wenn mal etwas anders läuft als optimal.

Staffelstart
Staffelstart  Foto: Fred Härtelt

einige Tipps für erfolgreiche Staffelläufe:

mental:

Es bringt nichts, eine Staffelplazierung anzupeilen, die von 3 optimalen Läufen ausgeht. Vielmehr gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass einer der drei Läufer z.B. einen 3-Minuten-Fehler macht. Diese Wahrscheinlichkeit (nicht selten bis zu 100%) muss man einplanen, um nicht zu Unrecht gleich demotiviert zu sein!

• Man kann davon ausgehen: Es gewinnt nicht die Staffel, bei der es optimal läuft, sondern die, wo am wenigsten verzockt wird! Fehler sind erlaubt.

• Fehler macht man immer, auch bei Staffelläufen. Nimm sie nicht zu schwer, sondern konzentriere Dich auf die noch folgenden Posten.

• Staffeln, die nur einmal im Jahr zusammen laufen, haben eine recht geringe Chance zu gewinnen.

• Es kommt auf die Läufer der Staffel an, die noch nicht gestartet sind: Wer einen schlechten Lauf hatte: Nicht die Staffelkameraden mit der schlechten Laune anstecken, sondern sie motivieren und von eigenen Problemen absehen. Gefragt sind objektive Informationen wie ”Bei Posten 68 ist die Mulde kaum zu erkennen”, nicht aber subjektive wie ” an Posten 13 ist alles sauschwer und eklig grün, den habe ich 5 Minuten gesucht”

• Vorsicht auch bei Tipps zur Routenwahl! Für jeden sind andere Routen schneller und besser. Außerdem macht oft die Gabelung andere Routen sinnvoll.

• Am Sichtposten nicht die Nerven verlieren! Man sollte sich vorher bewusst machen, dass dort Zuschauer sind, die einen anfeuern und einem Zeitrückstände und Platzierungen nachbrüllen- sich vorher überlegen, wie man damit umgeht! Leute, die sich von sowas nervös machen lassen (”Ich will am besten garnichts hören”) haben sich nicht richtig auf den Staffellauf eingestellt.

Lauftaktik:

• Laufe nicht nur hinterher, auch wenn Du meinst, dass Du den selben Posten wie Dein Vordermann hast. Woher weißt Du, dass er ihn besser findest als Du?

• Beobachte immer die Läufer um Dich rum, um von ihnen zu profitieren. Wenn alle plötzlich abbiegen, dann vergewissere Dich nochmal extra, ob Du auch wirklich geradeaus musst, oder ob es nicht doch auch für Dich rechts rum geht

• Dickichtposten nimmt man oft am leichtesten aus der Ablaufrichtung, wo einem die anderen Läufer entgegenkommen oder Spuren sind.

• Nicht der Startläufer gewinnt, der als erstes die Zielwiese verlässt. Lass die anderen laufen, komm in die Karte, profitiere von den anderen vor Dir und spare Deine Kräfte!

• In einer Gruppe (Tram) ist die beste Position drei. Der erste muss zu sehr orientieren und rennt viele Extra-Schlenker, als zweiter hat man das Problem, wenn der erste falsch läuft: Jetzt muss man selbst die Führung übernehmen!

• als Schlussläufer gegen Ende der Bahn in einer Gruppe: Sorge dafür, dass Du die letzten Posten kennst (Nummer, Postenbeschreibung, Auffanglinien etc.), um dort die anderen abhängen zu können. Vor allem den letzten Posten solltest Du als erster stempeln, danach wird es unheimlich schwer, zu überholen

• aufmerksamer Blick: Wenn Du in den Postenraum kommst: Schaue, ob Du den Posten siehst oder Läufer, die gerade davon weglaufen! Oder in der Gruppe: Beobachte mit einem Auge das Gelände, mit einem die Karte und mit einem die anderen Läufer.

• Auch beim Nachlaufen: Du musst IMMER wissen, wo Du bist. Wie ein Beifahrer, der nebenher Karte liest.

Staffelstart
Staffelstart  Foto: Fred Härtelt

Um gute Staffeln zu laufen, muss man aber vor allem eines: Trainieren. Denn Voraussetzung für einen guten Staffellauf bleiben natürlich die Leistungen der einzelnen Läufer einer Staffel. Wer nicht mitkommt mit dem Tempo der anderen Startläufer hat keine Chance.
Zusätzlich aber gibt es unendlich viele Tricks und Tipps, wie man das optimale aus seiner Staffel herausholt. Zum Beispiel Exweltmeister Petter Thoresen, der auf einer Nachtstrecke bei der Tiomila seine Lampe einfach mal ausmachte, als er den Posten sah, stempelte und sich im Dunkeln davonschlich, während die anderen um ihn rum noch im falschen Dickicht suchten.
Da kam er auch nicht bei seinem ersten Lauf drauf.

Autor: Ingo Horst

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

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Autor: Ingo Horst
Eingestellt am 19.08.2019

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