Orientierungslauf in Deutschland


Elitetipp im Juni: Routenwahl / Mikroroutenwahl

Eines der größten Themen beim OL ist das der richtigen Routenwahl. Nicht nur die großen, auffälligen klassischen Routenwahlen sind entscheidend, sondern meist sind es genauso die kleinen und versteckten, die ein Rennen entscheiden. In diesem Elitetipp habe ich die wichtigsten Dinge zu diesem Thema zusammengefasst.

Elitetipp im Juni
Elitetipp im Juni

OL als Wahrscheinlichkeitsbetrachtung

Für mich ist OL- und vor allem die Routenwahl- immer auch ein großes Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich einen Posten auf der schnellsten und schwersten Querroute ohne Zeitverlust finde? Oder sollte ich 10 Sekunden auf der sicheren Route außenrum investieren? Solche Gedanken sind wichtig, um die einzelnen Routenwahlen zur insgesamt bestmöglichen OL-Bahn „aneinanderzureihen“.

klassische Routenwahlen

Die „klassischen“ Routenwahlaufgaben sind immer klar zu erkennen, es gilt „nur“ verschiedene Varianten zu sehen und dann die richtige zu wählen.
Dabei gibt es oft nicht eine einzige, für alle beste „Optimalroute“, sondern es kann durchaus sein, dass für den einen die Umlaufroute schneller ist, für den anderen die direkte Querroute.
Gerade bei Läufen in skandinavischem Gelände sollte man sich klar machen, dass man als Deutscher die Außenrumroute jahrelang trainiert hat, die Querroute dagegen kaum….

eine typische Routenwahl: alles quer oder über die Straße?
eine typische Routenwahl: alles quer oder über die Straße?

Bei solchen Routenwahlentscheidungen kommt es manchmal vor, dass man nur zwischen Tod und Teufel wählen kann und eigentlich den Übergang gar nicht rennen will. Es ist wichtig, das zu erkennen, damit man nicht während des Laufes an seiner Route zweifelt und unmotiviert wird, wenn es schwer wird. Oft gibt es keine „einfache“ Wahl!

Als Faustregel für die Entscheidungen „Weg außenrum oder über den Berg“ habe ich mal gelernt, dass 10 Meter Steigung 80-100 Metern flach entsprechen. (So werden oft auch Leistungskilometer ausgerechnet), doch hängt das stark vom Gelände und wiederum der persönlichen Form ab. Als Anhaltspunkt ist es aber nützlich!

Erwägungen, die ebenfalls in eine Routenwahlentscheidungen eingehen müssen, sind die, in welcher Phase des Rennens man sich befindet (taktische Überlegungen):

· gegen Ende wird man eher kraftraubende Routen nehmen können, wenn man sich noch fit fühlt als am Anfang, wenn man noch die ganze Bahn vor sich hat.

· Wer einen Top- Lauf hatte, wird gegen Ende nichts mehr investieren und sichere Routen nehmen, anstatt mit einer „Hopp oder Topp- Route“ alles zu riskieren.

· Zum ersten Posten sollte man eine sichere Route mit vielen Alternativmöglichkeiten wählen um erst mal zu „testen“, wie gut der Wald zu belaufen ist, wie klar die Details sind usw.
Keinesfalls sollte man sich davon abhängig machen, dass der Wald auch wirklich überall gut zu belaufen ist.
Am Anfang des Wettkampfes darf man einige Sekunden investieren, um sich erst einmal ein Bild von der Belaufbarkeit zu machen. Die "verlorene" Zeit wird sich später (oder auch sofort...) auszahlen!

· Wenn es nach dem Posten lange bergauf geht, läuft man den Posten eher von oben an, um nicht einen noch längeren Berg machen zu müssen. Wenn möglich wird man lieber Routen mit vielen kurzen Anstiegen nehmen, als einen langen steilen Berg auf einmal zu machen.

Bei Umlaufrouten ist interessant: Wie wir beim Routentesten für die Weltmeisterschaften merkten, waren die Wegerouten für sich betrachtet meistens auch dort schneller, wo man es nicht erwartet hätte. Ein weiterer Vorteil: man kann schon den weiteren Lauf planen, schwere Posten vorbereiten oder einfach im Kopf ein wenig abschalten, um später mit höherer Konzentration wieder da zu sein.

Eine Routenwahlentscheidung kann auch davon abhängig sein, wie schwer der nächste Posten aus den verschiedenen Laufrichtungen ist. Plateaus im Hang werden am leichtesten von oben angelaufen, Felswände oder Mulden dagegen von unten. Oft ist es sinnvoll, auch hier ein wenig Zeit zu investieren und sicher sein zu können, dass man den Posten sofort findet.
Dasselbe gilt natürlich für Getränkeposten irgendwo im Gelände, für die man einen Umweg in Kauf nehmen kann.

Manchmal ist es eine gute Idee, die Posten aus der Ablaufrichtung anzulaufen, weil man dann Spuren oder den vorher gestarteten Läufer sehen kann.

Ebenfalls gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, sich oft mehrere gleichwertige Möglichkeiten bewusst offen zu halten und dann erst vor Ort zu entscheiden. Beispiel: bei vielen parallelen Schneisen durch ein grünes Gebiet nehme ich gleich die erste, wenn sie gut zu belaufen ist. Wenn sie aber voll Fallholz ist, dann warte ich die nächste oder die übernächste ab.

Rot ist eine Route mit sinnlos viel Risiko- es gibt kein Ausweichen mehr. Und tatsächlich: beim Testen durch den Autor stellte sich das 3er-Grün als undurchdringlich heraus.
Rot ist eine Route mit sinnlos viel Risiko- es gibt kein Ausweichen mehr. Und tatsächlich: beim Testen durch den Autor stellte sich das 3er-Grün als undurchdringlich heraus.

Mikroroutenwahlen

Wesentlich verzwickter sind die kleinen „Mikroroutenwahlen“, die bei einer guten Bahn oft den Ausschlag geben. Gerade bei extrem leichten Posten sollte man sich auch bei kurzen Abständen vergewissern, dass nicht irgendwo eine versteckte Route besser ist als die Luftlinie!
Folgen mehre dieser kurzen Postenabstände ist es von Vorteil, wenn man sauber vorgeplant hat und sich darüber im Klaren ist, wann man direkt und wann man außenrum läuft! Nur bei schlechten Bahnen ist die Luftlinie regelmäßig das schnellste!

Speziell ist bei den Routenwahlen beim Sprint:

Aufgrund des hohen Lauftempos sind scharfe Kurven und Ecken oft viel ausschlaggebender als der ein- oder andere Meter mehr!
Vielmehr kommt es darauf an, in ein flüssiges, sehr hohes Lauftempo zu kommen. Verzwickte Routen nahe an der Luftlinie sind oft sehr langsam!
Zusammenfassung

Um eine erfolgreiche OL-Bahn zu laufen, ist die richtige Routenwahl zwischen jedem Posten entscheidend. Dabei ist jedoch nicht jede Routenwahl für sich zu betrachten, sondern man muss sie immer im Kontext der ganzen Bahn sehen. Was für einen einzelnen Postenübergang schlechter ist, kann sich als gute Investition für den Rest der Strecke entpuppen!
Das heißt nicht, dass es keine falschen und schlechten Routenwahlentscheidungen gibt, sondern vielmehr: Während der Entscheidung muss man sich darüber im Klaren sein, wie viele unterschiedliche Dinge für das richtige Treffen einer Routenwahlentscheidung wichtig sind.


Autor: Ingo Horst

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

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Autor: Ingo Horst
Eingestellt am 15.06.2019

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