Orientierungslauf in Deutschland


Elitetipp im Mai: Der Wettkampf beginnt schon vor dem Start

Im Mai 2002 war Tilo Pompe Autor dieses Elitetipps. Damals war Tilo einer der besten Orientierungsläufer Deutschlands. Und weil der Start-Elitetipp immer noch genau so aktuell ist haben wir ihn für diesen Monat unverändert ausgewählt.

Orientierungslauf ist ein Sport, bei dem es nicht nur auf die körperliche Fitness ankommt, sondern in starkem Maße auf die geistige Konzentrationsfähigkeit während des Wettkampfes.
Das wissen sicherlich alle, die diese Zeilen hier lesen. Ich denke aber, dass es für jeden immer wieder eine Herausforderung ist, dieses in die Tat umzusetzen.


  Foto: Ingo Horst

Rein theoretisch und in Ruhe beherrschen sicherlich viele die verschiedensten Orientierungstechniken (Routenplanung, Feinorientierung). Doch unter Wettkampfbedingungen sieht alles oft anders aus. Da gibt es die Situation am Start, bei der hohe Anspannung und Stress zu bewältigen sind. Während des Wettkampfes besteht dann die Anforderung, die hohe Konzentration aufrechtzuerhalten, was mit zunehmender Länge und physischer Belastung immer schwerer wird. Wer anfängt, irgendwelche Liedchen im Kopfe zu trällern oder mit den Gedanken bei der nächsten Party ist, der ist schon auf den besten „Abwegen“.

Für mich war, und ist teilweise auch noch jetzt, die Startsituation immer wieder eine große Herausforderung. Hochmotiviert wollte ich von Beginn an alles richtig machen, besonders schnell sein, vorher gestartete Läufer einholen, bei der Staffel Rückstände wettmachen usw.
Doch gerade die Fülle der Aufgaben mit denen man am Start konfrontiert wird und mein hohes Lauftempo zu Beginn (man ist ja noch ausgeruht) können kleine oder sogar größere Fehler bei den ersten Posten nach sich ziehen. Wenn man aber die Anforderungen am Start kennt, kann man lernen, sich darauf einzustellen und zu konzentrieren.


Was ist am Start alles zu tun?

1. Karte aus dem richtigen Kartenbehälter nehmen
2. Karte einnorden
3. Startdreieck suchen
4. Routenplanung zum ersten Posten
5. Postenbeschreibung und –code wissen

Kurz danach beginnt oft schon die Feinorientierung zum ersten Posten. Gleichzeitig muss man sich an die Kartendarstellung gewöhnen. Währenddessen ist auch schon die Routenplanung für Posten 2 an der Reihe, damit die Ablaufrichtung von Posten 1 schon beim Anlauf klar ist. Zusätzlich muss sich der Körper an die zunehmende Belastung gewöhnen. Ganz schnell reagiert man in einer solchen Situation hektisch und ist überlastet.

dierkt nach dem Start ist höchste Konzentration gefragt
dierkt nach dem Start ist höchste Konzentration gefragt  Foto: Ingo Horst

Daraus stellte sich für mich die Frage, wie man diese Anforderungen besser koordinieren kann, und welche Aufgaben durch eine bessere Vorbereitung erleichtert werden können.
Von großer Bedeutung ist erst einmal eine GRÜNDLICHE ERWÄRMUNG, damit der Kreislauf schon auf einer höheren Belastungsstufe ist und somit nach dem Start keinen Schock bekommt.
Zweitens kann man sich die POSTENCODES und die POSTENBESCHREIBUNG schon vor dem Start EINPRÄGEN. Sicherlich erfordert das eine gewisse Gedächtnisleistung, aber das ist nur eine Trainingsfrage. Mindestens sollte man sich die ersten 3 Posten einprägen, um diese Aufgabe schon vor dem Start abgearbeitet zu haben.
Danach sollte man sich IM KOPF AUF DIE ANSTEHENDE AUFGABE EINSTELLEN, und kurz vor dem Start seine GEDANKEN ZUR RUHE KOMMEN lassen.
Zusätzlich kann man mit einigen Vorbereitungen den Stress nach dem Start deutlich abbauen.

1. In welchem KARTENBEHÄLTER die Karte liegt, ist meist vor dem Start gekennzeichnet, teils stehen die Läufer sogar davor.

2. Die NORDRICHTUNG in der Natur sollte man sich eingeprägt haben.

3. Die LAGE DES STRATDREIECKS AUF DER KARTE kann man oftmals vor dem Start eingrenzen. Meist ist die Lage des Ziels und des Wettkampfgebietes am Start ungefähr bekannt. Durch markante Waldränder, große Wiesen oder Gewässer kann man sich im Kopf schon ein ungefähres Bild von der Karte schaffen und bestimmen, ob der Start beispielsweise am Ostrand, Südrand, in der Mitte oder an einer großen Wiese liegt. Diese markanten Lagen bzw. Objekte können als erster Blickfang auf der Karte dienen.

Moritz Döllgast
Moritz Döllgast  Foto: Fred Härtelt

4. Die Routenplanung zum ersten Posten kann sicherlich nicht vorher gelöst werden. Jedoch kann man durch die Ausrichtung des Starts oft auf die ABLAUFRICHTUNG schließen. In den seltensten Fällen geht es 180° gedreht zurück. Außerdem kann man versuchen vor dem Start die AKTUELLE KARTENSITUATION zu erfassen. Zum Beispiel: Man steht schon auf einem Weg, sieht schräg links vor sich ein Dickicht, rechts in weiter Entfernung einen Hochstand. Sobald man die Karte hat, wird man diese Kartensituation wiederfinden, und sofort entscheiden können, ob man jetzt leicht rechts vom Hochstand vorbeiläuft oder doch lieber links am Dickicht entlang.

Sicherlich sind diese Hinweise für manche Orientierungsläufers Grundwissen und für andere Spitzfindigkeiten. Jedoch können sie meiner Meinung nach dazu beitragen, erst keine Stresssituation am Start aufkommen zu lassen und von Beginn an einen konzentrierten Lauf zu bestreiten, voll nach der Devise: TEMPO HOCHHALTEN UND KEINE FEHLER MACHEN.

Autor: Tilo Pompe (Mai 2002)

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

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Autor: Ingo Horst
Eingestellt am 15.05.2019

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