Orientierungslauf in Deutschland


Elitetipp im Orientierungslauf - Fehlerstrategie

Die Orientierungsläufer werden sich teilweise an ihre Kindheit erinnern, wenn sie diese Zeilen lesen, denn vor 18 Jahren - vom Januar 2001 an - erschien der Elitetipp monatlich, ehe er dann nach 49 Folgen eingestellt wurde. Sozusagen der „Fjällräven Kånken“ oder anders gesagt ein Klassiker der ersten Stunde von orientierungslauf.de. Jetzt, nach 18 Jahren sind die meisten Themen und Tipps noch immer aktuell, einige neue Themen werden sicherlich noch dazukommen und daher kam die Idee, wieder mit der Veröffentlichung der Elitetipps zu starten.

Elitetipp Orientierungslauf
Elitetipp Orientierungslauf  Foto: Ingo Horst

Elitetipp Fehlerstrategie


In diesem Monat sind wir wieder mal auf der Suche nach der richtigen Fehlerstrategie.

OL wäre so einfach, wenn nicht diese Fehler wären! Ich wäre viel besser, hätte ich nicht schon wieder diesen 10-Minuten-Bock geschossen!

Die Kunst im OL ist nicht, keine Fehler zu machen - das ist nicht möglich -, sondern die Kunst ist, die Fehler klein zu halten, die zwangsläufig immer passieren. Wenn man die Zwischenzeiten bei OL-Wettkämpfen anschaut stellt man fest, dass in der Regel nicht der gewonnen hat, der die meisten Bestzeiten vorweisen konnte, sondern Leute, die oft wenige oder keine einzige Bestzeit haben. Warum? Weil sie keine großen Fehler gemacht haben, sondern an den richtigen Stellen Zeit investiert haben, um die großen Fehler zu verhindern.

Wann passieren Fehler?
Da gibt es unendlich viele Situationen:
· Stress: Konkurrenten, vorausgegangene Fehler, selbstgemachter Erfolgsdruck, Zuschauerposten, Kameras im Wald, ...
· unvorhergesehene Situationen: plötzlich ein neuer Pfad, ein Hund im Wald, Spaziergänger, der Posten ist nicht da, wo man ihn vermutet hat,...
· technische Fehler: Wechsel Weg-Gelände, Müdigkeit, Unterschätzung der Schwierigkeit,...
· ...

Man muss eine einzige Strategie finden, die Fehler in allen denkbaren Situationen verhindert.

Fehler beim Orientierungslauf
Fehler beim Orientierungslauf  Foto: Ingo Horst

1. Gefahr erkennen
Fast jeder Fehler kündigt sich vorher an, wie man als OLer aus vielen Läufen weiß. Man hätte nur im richtigen Moment "hinhören" müssen.
Die Meisten tendieren dazu, dieses ungute Gefühl einfach beiseite zu schieben in der Hoffnung, es wird schon gut gehen. Aber beim OL folgt jede Situation aus einer vorhergehenden, alle Ereignisse während des Laufs sind durch eine lange Ursachenkette miteinander verknüpft. Normalerweise gibt es kein Glück, auf das man hoffen kann. Also muss man dann, wenn sich ein Fehler ankündigt (wenn man merkt: "Hier stimmt irgendwas nicht") eine Fehlerstrategie anwenden, um den Fehler klein zu halten oder ganz zu verhindern. Es muss eine Fehlerstrategie sein, die man in allen Situationen anwenden kann.

2. STOP
Wenn irgendwas nicht stimmt, warum soll man dann noch einen einzigen Schritt in die vielleicht falsche Richtung machen?
Stattdessen also sofort anhalten und auf die Karte schauen. Erstens kann man im Stehen besser lesen, vor allem aber verschlimmert man zunächst mal nichts.
Der STOP verhindert aber nicht nur, dass man weiter in die falsche Richtung läuft, sondern er sorgt auch dafür, dass man ein falsches Denkmuster verlässt (denn irgendwas hat man ja falsch gedacht/interpretiert). Man muss dieses unterbrechen, um es korrigieren zu können!
Die erste Frage ist jetzt nicht: "wo bin ich" (denn das kann man meist nicht mit genügender Sicherheit beantworten), sondern "wo war ich zum letzten mal ganz sicher?" Daraus folgt dann meist auch, wo man jetzt ist. (ist man danach bergauf/bergab gelaufen?...)
Wer sich so vergewissert hat, wo er ist, hat also wenige (ca 2-3) Sekunden für Stehen bleiben und Kartenlesen investiert und kann weiterlaufen. Übrigens regeneriert der Körper auch in dieser Zeit ein klein wenig, so dass diese zwei Sekunden nicht mal ganz verloren sind.
Eine einfache Rechnung zeigt die Wirkung solches Stehen Bleibens: 29mal stehen bleiben in einer schwierigen Situation ist immer noch besser als ein einziger 1min-Fehler mehr!

3. Laufen
Wenn man jetzt immer noch nicht sicher ist, wo man sich befindet, dann muss man laufen. Dorthin, wo man sich wieder einlesen kann. Es hat wenig Sinn, an Ort und Stelle stehenzubleiben und sich umzuschauen. Also ist nur die Frage, wohin man läuft. Das hängt von der Situation ab, in der man sich gerade befindet, z. B. ob man im Postenraum oder auf der Route ist. Man muss es anhand der Karte entscheiden:
· zurück zum Absprungpunkt/zur Absprunglinie (nicht sinnvoll auf schlechten Karten) oder
· weiter zur Auffanglinie
· einfach mal grob in Kompassrichtung weiter, weil irgendwann was Eindeutiges kommt
· nach rechts/links zu einer eindeutigen Stelle (z.B. Felswand, Dickichtecke,..)
· ...

4. STOP
Jetzt hat man sich also eingelesen. Bevor man aber weiterstürzt ist es am besten, nochmal 2 Sekunden zu investieren und die Gedanken für die neue Aufgabe sammeln (z.B. den Kompass nochmal sauber anlegen) und erst dann weiterlaufen.

Am wichtigsten:
Die Fehlerstrategie muss man genauso üben wie z.B. das Kompasslaufen. Man muss sie meist in Stresssituationen anwenden, in denen alle anderen Techniken vorher versagt haben. Es ist also wichtig, dass man sie immer beherrscht.

Tipps dazu können sein:
· die Punkte regelrecht auswendig zu können
· laut STOP zu rufen und sich in den schwierigen Situationen laut aufsagen, was man tun muss
· in jedem Training üben, auch wenn "Posteneinkreisen" oft bequemer ist
· üben durch verschiedene mentale Trainingsformen
· spezielle Trainingsformen, z.B. "Stress-Trainingsformen" wie Staffeltraining, "Kein-Fehler-OL" (bei Fehler ganz zurück zum letzten Posten) usw.

Nochmal in Kürze:
1. Fehler bemerken
2. STOP wo war ich zuletzt sicher-> wo bin ich jetzt
3. Laufen (Auffanglinie, ...)
4. STOP
5. normal weiter

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

Hast Du Lust, auch über ein Thema zu schreiben, wo Du Dich auskennst? Oder willst du ein Thema vorschlagen, das mal behandelt werden sollte? Fragen, Anregungen, Kritik? Mail an ingo.horst@web.de!


Autor: Ingo Horst & Daniel Härtelt
Eingestellt am 23.02.2019

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