Orientierungslauf in Deutschland


Spiegel-Artikel Zecken – eine Analyse von Daniel Härtelt

Am 9.November erschien im Spiegel ein Artikel mit dem Titel „Die Zecken schrecken die meisten ab“. Vorausgegangen war ein Interview mit dem norwegischen Weltmeister Olav Lundanes. Nicht nur in der OL-Gemeinde gab es im Anschluss einen Aufschrei über die Überschrift und Teile des Inhalts. Die Art und Weise der Darstellung des Sachverhalts ist leider alles andere als unbekannt.

Weltmeister Olav Lundanes
Weltmeister Olav Lundanes  Foto: Fred Härtelt

Im Nachgang des Artikels wurde umgehend Kontakt mit dem Spiegel sowie Weltmeister Olav Lundanes aufgenommen. Der norwegische Weltmeister entschuldigte sich umgehend für die Überschrift und die Art der Darstellung des Orientierungslaufes. Gleichfalls teilte er mit, dass er im Normalfall sämtliche Texte vor der Freigabe nochmals gegenliest, diesmal zeitlich aber zu kurz angebunden war um dies zu tun. Nach der genaueren Analyse des Textes teilte der Weltmeister mit, dass er im Interview auch über Zecken sprach und näher auf den Sachverhalt Verletzungen befragt wurde. Es wurde aber auch über viele andere Themen gesprochen, welche im Artikel nur kurz oder gar nicht beleuchtet wurden. Nach seiner Sichtweise wurden Ausschnitte des Interviews neu zusammengestellt.

Im Nachgang der umfangreichen Analyse aus Norwegen folgten zunächst die Analyse des Mailverkehrs und ein Telefonat mit dem Ersteller des Artikels. Schriftlich antworte Udo Ludwig als Leiter des Sportressorts vom Spiegel, dass Ihn ein Leserbrief aus der Gemeinde der Orientierungsläufer doch stark überrascht, da der Artikel selbst nicht als negativ empfunden wurde und gleichfalls auch offiziell freigegeben wurde. Im Telefonat antwortete der Verfasser Jesko Dohna dann, dass er selbst von der Sportart begeistert ist und die eigenen Erfahrungen bei der Bewegung im Wald in Kombination mit dem Orientierungslauf darstellen wollte. Auch für ihn war erst nach der genaueren Erläuterung der Thematik verständlich, dass die Überschrift und Teile des Interviews den Sachverhalt überspitzt darstellen.

Darstellung einer Zecke
Darstellung einer Zecke  Foto: André Karwath

Fakt ist, dass das Thema Zecken bei der Bewegung in der freien Umgebung nicht zu unterschätzen ist. Zahlreiche Seiten informieren im Internet über die Verbreitungsgebiete in Verbindung mit möglichen Übertragungen von FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) oder Borreliose. Nachzulesen sind dort ebenfalls vorbeugende Maßnahmen sowie Handlungsanweisungen nach einem Zeckenbiss.

Vielleicht auch durch diese starke Sensibilisierung spielt das Thema Zecken für aktive Orientierungssportler eine weitaus kleinere Rolle als im Artikel dargestellt. Genauso wie beim Thema Verletzungen gibt es Beispiele mit unmittelbaren Folgen oder Spätfolgen. Im Vergleich zur Masse der Orientierungssportler und zu den Veranstaltungen weltweit ist der Prozentsatz dort vermutlich eher gering. Die Themen Umwelt und (weitere) Tiere sind für die Orientierungssportler hingegen sehr relevant. So wird im Vorfeld der Wettkämpfe nicht selten mit den Waldbesitzern, Jägern oder Förstern über Ruhezonen und weitere nicht zu betretende Gebiete gesprochen. Forsteinsätze stärken in vielen Regionen die Akzeptanz der Orientierungssportler.

So gesehen war der Artikel vermutlich ein Kurzextrakt eigener Erfahrungen mit dem Fokus auf die selbst vermuteten wesentlichen Punkte. Dass dieser in mehreren Teilen konträr zum Empfinden der Orientierungssportgemeinde steht, zeigt aber einmal mehr inwieweit mediale Darstellungen und selbst empfundene Realität inzwischen mitunter auseinanderdriften.

OL als Massensportart
OL als Massensportart  Foto: Fred Härtelt

Als Dresdner Orientierungssportler, der sich neben seinen weltweiten Reisen für den OL regelmäßig in einem Viertel aufhält, wo sich der israelische Imbiss in unmittelbarer Nähe zum kurdischen, kubanischen oder südamerikanischen Etablissement befindet und wo Hautfarbe oder Herkunft schon seit vielen Jahren keine Rolle mehr spielt, bekommt man analog dazu regelmäßig mit was diese Brennglasberichterstattung über die sächsischen oder ostdeutschen Einwohner und Städte für Auswirkungen hat.

So werden ebenfalls seit Jahren Ausschnitte aus prosperierenden ostdeutschen Städten wie Dresden, Leipzig oder Chemnitz medial einseitig dargestellt und sorgen so für genau jenen Unmut, der nun auch im Kreise der Orientierungssportler sichtbar wurde. Beim Frühstücksbrunch im Herzen der Stadt Dresden wird dann nicht nur über den kommenden Nachwuchs des syrischen Zahnarztes und der isländischen Lebensgefährtin oder die Heirat der iranischen und spanischen Freunde gesprochen, sondern auch wie beim bunten und fröhlichen Tag der deutschen Einheit 2016 in Dresden mit mehr als 500000 Einwohnern und wohl mindestens genauso vielen Gästen eine zweistellige Anzahl von Pöblern für Wochen die Medienlandschaft beherrschen konnte.

Es ist exakt dieselbe Art der Berichterstattung, welche nun auch beim Artikel über den Orientierungslauf angewandt wurde. Der Artikel stellt in vielen Teilen Nuancen der Sportart dar. Eine Beschreibung was den Orientierungslauf tatsächlich ausmacht ist es aber nicht.

Die Überschrift „Die Zecken schrecken die meisten ab“ ist daher zumindest nach einer nicht repräsentativen kurzen Umfrage von potenziellen Teilnehmern schlichtweg falsch. Diese Darstellung ist übrigens genauso falsch wie die Annahme man müsste aus irgendeinem Grund die ostdeutschen Städte meiden. Viele dieser Städte genießen bis heute eine weltweite Anziehungskraft. Nur weil bestimmte Sichtweisen oder Bilder in überregionalen Medien veröffentlicht und mitunter gebetsmühlenartig wiederholt werden, bedeutet dies noch lange nicht, dass diese in irgendeiner Weise repräsentativ für die Einwohner bzw. ganze Städte oder Regionen sind.


Mehr:
Artikel im Spiegel
Information zu Zecken auf der Seite vom grünen Kreuz
Vielfalt beim Tag der deutschen Einheit in Dresden (Facebook)

Autor: Daniel Härtelt  (Team für Öffentlichkeitsarbeit)
Eingestellt am 24.11.2018

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