Orientierungslauf in Deutschland


Weltlängster Staffel-OL in geschichtsträchtigem Gelände

899 Orientierungsläufer aus mindestens 14 Nationen – wie auch die aufgehängten Flaggen verrieten – nahmen nach Gesamtleiter Sören Lösch am 21. Thüringer 24-Stunden-OL schließlich teil. Dabei starteten dieses Jahr fast so viele 12h-OL-Teams wie 24h-OL-Teams. Für Kinder bis 14 Jahre fand erstmals eine 4h-Staffel statt, die von 15 Teams absolviert wurde. Von 14 bis 17 Uhr bestand zudem die Möglichkeit Kinder-OL und für Interessierte einen „Jedermann-OL“ zu laufen.

Massenstart Punkt 9 Uhr
Massenstart Punkt 9 Uhr  Foto: Claudia Helling

Am 26. Mai vor 32 Jahren erfolgte das erste Mal der Start des legendären 24-Stunden-OL. Sechs Staffeln und somit Startläufer gingen damals, am Sonntag 8 Uhr 30, bei Jena auf ihre ersten Bahnen. Am Sonnabend 9 Uhr und direkt neben dem provisorischen und wieder mal professionell geplanten Zeltplatz oberhalb Etterwindens waren es rund 175, samt Kindern hinterdrein und gefilmt von Drohnen aus der Luft. Vor 500 Jahren wurde Luther, dessen Familie aus dem Nachbarort Möhra stammt, wegen seiner Thesen auf die nahe Wartburg verbannt, auf der eine Ausstellung zu einem Besuch im Vorfeld des langen Staffel-OL einlud.

Bis 1995 fand der „24er“ jährlich statt. 1996 adaptierte man ihn erstmals im Ausland, in Ungarn, später auch in der Schweiz. Traditionellerweise laufen besonders auch einige starke ungarische Teams mit. Der zweite 24h-OL war 1986 im naheliegenden Wilhelmsthal wegen einer Wettkampfterminüberschneidung ausgefallen. 1970 hatte die dritte OL-WM in der weitläufigen Waldgegend am westlichen Rennsteig stattgefunden, wie man sie vom Wettkampfzentrum aus bewundern, wie die 4. Staffelläufer damals im Lauf mehrfach selbst erleben und anhand der ausgehängten Karten bestaunen konnte. Das alte Wechselbanner „1. Wechsel“ markierte den Wechsel am Wochenende. 1987 hatten Erfurter OLer die zweite Karte bei Etterwinden aufgenommen, bevor Karsten Lehmann, der auch zum 3. Mal die vielen Bahnen konzipierte, das höhenreiche Gelände für die Großveranstaltung ins digitale Zeitalter überführte – die wohl erste deutsche Karte nach der neuen, internationalen Kartenzeichenvorschrift ISOM 2017.

nächtlicher Wechsel – als Staffelstäbe dienten ein Knochen, ein Rettich, ein Lebkuchenherz, eine Plüschmaske, ...
nächtlicher Wechsel – als Staffelstäbe dienten ein Knochen, ein Rettich, ein Lebkuchenherz, eine Plüschmaske, ...  Foto: Friedmar Richter

Der Wettkampf gestaltete sich von Anfang an aufregend: Florian Flechsig lief für die Bulldozer (12h) knapp vor Sören Riechers und Karsten Leideck, den Startläufern der beiden führenden 24er-Teams, zum Sichtposten der Startstrecken. Der Zufall bescherte den drei Männern ein und dieselbe der 12 Gabelvarianten (Bahnschlaufen mit zwei verschiedenen Zentralposten). Der Sprecher kündigte Sören Lösch vom ausrichtenden Verein, der alle langen schweren Tagbahnen, teils hintereinander, Test gelaufen war, als Ersten ohne Startnummer an. Wie in den letzten Jahren ließ der BRL-Führende, dessen Frau aus Etterwinden stammt, es sich nicht nehmen, den Massenstart der spaßvollen und zugleich härtesten OL-Staffel hautnah mitzuerleben. Zum 1. Wechsel kam dann Karsten ganz knapp vor seinem Vereinskamerad Florian. Und das Rennen wurde gleich dem Wetter heißer – und flaute auch in der Nacht nicht ab, die – wie die Zielgetränke und die kalten Duschen – Kühlung brachte. Obgleich alle Läufer im teils steilen, teils grünen Wald und auf den angrenzenden Wiesen und im Ort selbst reichlich ins Schwitzen kamen, wurde eine Zeltsauna neben den Duschen beheizt. Zumal war es zum ersten Mal zum OL in Deutschland dieses Jahr so sehr warm. Die Organisatoren vom USV Jena und ihre Helfer der Etterwindener Vereine handelten aber mit sprichwörtlich kühlen Köpfen und stellten kurzerhand ein offenes, schattenspendendes Zelt vor den Wechselbereich. Einzelne Wolken und Windprisen wurden zum Genuss.

Dankbarerweise gestattete die Gemeide Moorgrund neben ihrer tatkräftigen Unterstützung die Nutzung des offenen sowie Ortsgeländes insbesondere für die Kinder, für die 13 Uhr die Staffel endete bzw. die im Anschluss den Kinder-OL bestritten.

Siegerehrung der 24h-OLer
Siegerehrung der 24h-OLer  Foto: Heike Leideck

Knapp ging es nach dem ersten halben Tag OL aus: The 98er's (Bundeskaderjunioren mit Jahrgang 1998, denen Veit Slodowski durch Erkältung ausfiel) liefen 6 min vor Bulldozer Deluxe ein (Freundschaftsteam vom tschechischen OL-Club Turnov und dem USV TU Dresden, die nach ihren Siegen der letzten beiden „12er“ diesmal statt zu viert nur zu dritt kämpften). Dritte wurden die Hungarian O-Fanatics vor jungen Brandenburger „Wölfen“.

Abends kündigten die Veranstalter an, dass, relativ zeitig, ab 20 Uhr die zwei Dämmerungsbahnen starten und wegen der Hitze zwei lange schwer Nachtbahnen gestrichen würden. Die längste und steilste der Dreien blieb – weil sie in sonst kaum genutzte Gebiete führte. Das Siegerteam Tradicionali atri setzte sich tagsüber bereits mit einer Runde Vorsprung ab, rutschte u. a. nach dem Sturz einer Läuferin in ein Schlammloch nach Mitternacht und einem Lampenausfall auf der LDN, der langen schweren Nachtbahn (Geschichten, wie sie wohl einige erlebten), allerdings auf den 3. Platz zurück – wiederum aber mit den meisten gelaufenen Kilometern. Groß war die ständige Zahl der Läufer am Getränkestand, auch unterm Sternenhimmel, da eine Leinwand unmittelbar daneben die Zwischenstände listete. Diese aber gaben durch verschiedene Staffeltaktiken, einfach gesagt unterschiedliche Laufreihenfolgen der gebotenen Bahnen immer später erst wirkliche Aufschlüsse über den Rennverlauf.

Nach dem zeitigen Sonnenaufgang am nordöstlichen Horizont regte sich wieder zunehmend mehr im und ums Zeltlager. Die beiden führenden Mannschaften starteten nach 7 Uhr mit – nach 22 Stunden geringen – 9 min Abstand auf die Finalbahnen. Zwei schafften sie jeweils noch. Aber die Zweiten schafften nicht mehr die Ersten einzuholen.
Nachdem Cornelia Eckardt und Heiko Gossel vor 25 Jahren zum 1. Mal gewonnen hatten, lief die 10-jährige Traditionsstaffel des USV TU Dresden Traditionell schnell (diesmal nach Finnisch und Schwedisch ins Lettische übersetzt Tradicionali atri, da Mitläuferin Mara Jaunsproge in Lettland geboren wurde) geschlossen und freudig mit Schlussläufer Tomi Kääriäinen ins Ziel. 14 min später folgte Marie Hofmeister für G. S. Reloaded (u. a. Freunde aus Bielefeld und Jena, die 2015 als „Geiler Scheiß“ in fast selber Besetzung den 3. Platz belegt hatten). Auf dem 3. Rang platzierte sich das ungarische Team Pannon Supersonics und auf dem 4. das tschechische Team Lahvacove.misto.cz vor dem Sommernachtstraum (fast alle Post SV Dresden) und OLV Kiekemal (u. a. die Neubrandenburger Ausrichter der letztjährigen DM Lang). Drei Teams erreichten das Ziel in der letzten Minute, eine Berlinerin in den letzten Sekunden.

So wie die Kinderstaffel des Post SV Dresden Sommernachtträumchen hieß, bildeten auch die Staffeln Ein-, Zwei- sowie Dreihornarmee eine größere Gemeinschaft.

Im Festzelt wurden nach 10 Uhr mehr als die Ersten geehrt, z. B. eine Ersthelferin sowie „Hänsel und Gretel“ für die fetzigste Verkleidung der kostümierten Teams, und SI-Kompasse (es heißt Kompasse!) an Kinder verlost. Und es wurde nach 2 Jahren Arbeit vielen gedankt, voran dem USV Jena, Karsten Lehmann und dem Ort Etterwinden, in dem lediglich eine Station entwendet wurde und ansonsten alles gut lief. Die Verpflegung war sehr reichhaltig und günstig – die Eierkuchen von Peter Vitzthum und seinem Team kosteten nach wie vor 50 Cent. Manches scheint sich nie zu ändern.

Nachdem der Fortgang des 24ers mit seinem „Rahmenlauf“ nach seiner 20. Auflage 2015 noch in den Sternen stand und erst geklärt wurde, so wurde diesmal der 22. für 2019 bereits verkündet. Er soll ebenso in der schönen Gegend bei Eisennach im Thüringer Wald stattfinden, wo 1993 in der Mosbacher Hölle schon der 8. Thüringer 24-Stunden-OL ausgetragen wurde.


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Bilder USV TU Dresden

Autor: Wieland Kundisch  (Team für Öffentlichkeitsarbeit)
Eingestellt am 30.05.2017


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