Orientierungslauf in Deutschland


Luise Finke ist tot

Der deutsche Orientierungslauf verabschiedet sich von einer seiner ältesten aktiven Mitglieder. Luise Finke vom RSV Hannover ist am vergangenen Wochenende im Alter von 85 Jahren verstorben. Die sympathische Altersklassenläuferin zeichnete sich nicht nur durch ihre zahlreichen Erfolge aus, sie zählte auch zu den Wegbereiterinnen des deutschen OLs. Bis zuletzt ließ die Niedersächsin keinen Wettkampf aus.

Luise Finke ist aus der deutschen OL-Szene kaum wegzudenken. Achtung erntete sie vor allen Dingen durch ihre unglaubliche Agilität auch im hohen Alter. Ob Geröllfelder, hohes Unterholz, skandinavische Wälder oder andere unwegsame Geländetypen, mit ihren weit über 80 Jahren war ihr kein Wettkampfgelände zu schwer, um nicht über Stock und Stein zu laufen. Und das hielt die OLerinnen des RSV Hannover auch bis zum Schluss durch. Die diesjährigen Deutschen Meisterschaften in Neubrandenburg lief sie noch mit unvermindertem Eifer. Beim niedersächsischen Landesranglisten-Finale in Uslar knapp eine Woche vor ihrem Tod verzichtete sich jedoch auf einen Start. Ein leiser Abschied.

Luise Finke gehörte zu den Pionieren des Orientierungslaufes in der damaligen Bundesrepublik. Doch bis dahin hatte sie schon eine lange Sportler-Karriere hinter sich. 1917 im ostpreußischen Elbing geboren, wuchs sie in Jena als Tochter des dortigen Direktors der Universitätsbibliothek auf und entwickelte früh ihr ausgeprägtes Verhältnis zum Sport. Sie wurde Sportlehrerin und startete zudem ihre Karriere als Leichtathletin. So wurde Luise Finke 1938 Studenten-Weltmeisterin im Hoch- und im Weitsprung. Nur der Lauf der Geschichte verhinderte für die junge Sportlerin die schon als sicher geltende Teilnahme an den für 1940 in London geplanten Olympischen Spielen im Hochsprungwettbewerb. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die damals 28-jährige dann nach Göttingen, wo sie an der renommierten Georg-August-Universität im Hochschulsport tätig war. Später zog es sie dann in die niedersächsische Landeshauptstadt. Leichtathletik geriet für Luise Finke dann immer weiter in den Hintergrund, dafür widmete sich die universelle Sportlerin immer mehr dem Hockeyspielen. Als sich dann zu Beginn der 60er Jahre Orientierungslauf in der Bundesrepublik als Wettkampfsportart etablierte, stand sie schnell an vorderster Front, obwohl sie diese Disziplin erst im Alter von 50 Jahren für sich entdeckte. Nicht zuletzt, weil ihr leider viel zu früh verstorbener Mann ein leidenschaftliches Engagement für den OL zeigte. Nach dessen Tod übernahm sie sein Erbe, die als eine der Wiegen des bundesdeutschen Orientierungslauf geltende Region von Hannover über den Harz bis nach Göttingen weiter mit auszubauen. So verwundert es nicht, dass die ehemalige Sportlehrerin bis zuletzt OL nicht nur aktiv betrieben hat, sondern auch hinter den Kulissen tätig war und unter anderem im Landesfachausschuss Orientierungslauf des Niedersächsischen Turner-Bundes geflissentlich die Wettkampfstatistiken führte. Für die OLer im RSV Hannover war sie mit ihrem Organisationstalent nach wie vor eine unermüdliche, treibende Kraft.

Im Vordergrund standen allerdings immer wieder die sportlichen Leistungen, die sie im Wald erbrachte. Die Liste ihrer Erfolge lässt sich kaum überblicken Zu den sicherlich besten Ergebnissen der letzten Jahre zählten ihre Medaillen bei den Altersklassen-Weltmeisterschaften. 1994 holte sie gar Gold, 1996, 1999 und 2001 sicherte sie sich Silber und 1997 gab es für Luise Finke Bronze. Sehr hoch lassen sich auch ihre Gesamtsiege in ihrer Altersklasse bei mehreren internationalen Mehr-Tage-Orientierungsläufen bewerten, wie zum Beispiel beim 5-dagars 1993. Prägend war dabei immer auch die Leidenschaft, die sie mit ihrem Sport verband. Herzhaft konnte sich die Wahl-Hannoveranerin ärgern, wenn ihr ein Orientierungs-Fehler unterlaufen war. Auch machte es ihr nie etwas aus, dass sie in den letzten Jahren in Altersklassen startete, in denen sie sich teilweise gegen bis zu 30 Jahre jüngere Konkurrenz durchsetzen musste und konnte. Doch wer glaubt, dass sich Luise Finke nur noch auf die Aktivitäten im Orientierungslauf beschränkt hatte, liegt weit daneben. Neben dem beständigen Lauftraining gehörte der jährliche Skiurlaub in den Alpen, wo es fast keinen Hang gab, der ihr zu steil war, fest ins Programm. Auch das Tanzen zählte lange Zeit zu ihrer Leidenschaft. Und selbst die moderne Technik war kein Buch mit sieben Siegeln für Luise Finke, hielt sie sich doch in Computerkursen auf dem neusten Stand der Dinge. Diese Vitalität und letztlich auch das Interesse für OL gab sie natürlich auch an ihre Kinder Bernhard und Heidrun weiter. Es ist fast logisch, dass Heidrun Finke lange zu den erfolgreichsten OLerinnen Deutschlands zählte.
Mit dem Tode Luise Finkes schließt sich ein langes und erfolgreiches Kapitel in der Geschichte des deutschen OLs, das seinen Anfang in den ersten Stunden dieser Sportart als Wettkampfsport genommen hat. Die deutsche OLer-Gemeinde verliert eine ihrer schillerndsten Persönlichkeiten. Das Mitgefühl gilt ihren Angehörigen.


Autor: Bjørn Axel Gran
Eingestellt am 29.10.2002

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