Orientierungslauf in Deutschland


Tagung Waldstrategie 2020

Für den 20./21. April 2016 hatte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zu einer Tagung mit dem Titel „Waldstrategie 2020 - Freizeit, Erholung, Gesundheit“ nach Berlin eingeladen. Das Technische Komitee (TK) Orientierungslauf war sich einig, dass dieses Thema für den Orientierungssport wichtig ist. Folglich wurde ein Mitglied aus dem TK nach Berlin entsandt. Diese Aufgabe ist auf Nikolaus Risch als zuständigen Ressortverantwortlichen und Beauftragten für Umwelt- und Naturschutz im TK zugekommen. In einem Artikel vom TK-Verantwortlichen wird das Thema intensiv beleuchtet.

Waldstrategie 2020
Waldstrategie 2020

Sehr häufig hat man in der Vergangenheit wichtige Weichenstellungen zum Thema Waldnutzung politisch eher „unter sich“ diskutiert, in einem „closed shop“ von Vertretern der Forstbehörden und der Eigentümer, später auch unter Einbeziehung des Naturschutzes. Die vergleichsweise offene Ausschreibung der Tagung machte neugierig - aber auch misstrauisch: Sollten eventuell nur bereits gefallene Vorentscheidungen geschickt öffentlich gemacht werden?

Vorab, es war wichtig, vielleicht sogar sehr wichtig. Bei derartig hochrangigen Treffen, die Tagung war mit ca. 200 Personen tatsächlich fachlich und personell sehr hochrangig besetzt, wird Politik mit Folgewirkungen gemacht - und zwar nicht nur für formale Gesetzesverfahren, sondern auch für grundsätzliche mittel- und langfristige Strategien, die später kaum umgekehrt werden können.

Entscheidend wichtig war die Möglichkeit, sich in Netzwerke mit Einfluss in Augenblicken einzubringen, in denen sie entstehen und nicht erst „wenn der Zug bereits abgefahren ist“. Konkret: Es war offenbar eine Premiere, dass sämtliche Interessen- und eben auch die sehr unterschiedlichen Nutzergruppierungen des Waldes sich in dieser Konstellation getroffen haben.

Da man den Orientierungssport nicht zu einem Referat eingeladen hatte, fühlte ich mich gefordert, durch diverse Diskussionsbeiträge nicht nur auf unsere Sportart aufmerksam zu machen, sondern auch seriös und unüberhörbar die mit unserer Sportart verbundenen Kompetenzen zu formulieren.

Es wurde erfreulicherweise schnell deutlich: Fast alle waren sich der Tatsache bewusst, dass die aktuellen und insbesondere die zukünftig zu erwartenden Anforderungen an Naturräume die bisherigen scheinbar stabilen Interessensverbünde aufbrechen werden und damit ganz neue Interessenskonstellationen (auch temporär) zu erwarten sind. Das Thema Wald ist einfach zu komplex und gesellschaftspolitisch zu wichtig, um in ein einfaches „Kartellschema“ zu passen. Das macht Hoffnung, bietet aber nicht nur Chancen, sondern auch Risiken.

Daher ist es wichtig dabei zu sein, wenn klassische Verbünde sich auflösen und sich neue bilden, um in der Zukunft etwas zu erreichen.

Kurz zusammengefasst wird der Wald als Wohlfühlraum und als Erfahrung der Sinne gesehen. Der Zusammenhang zwischen Stadt und Wald wurde folgendermaßen beschrieben: „Ohne Wald verliert die Stadt ihre Seele“

Die Vielzahl und die Komplexität der Interessen lassen sich nicht in einem Kurzartikel zusammenfassen, aber ich versuche mit wenigen Stichpunkten die zentralen (Knack)Punkte zu skizzieren.

Einigkeit über hohe Relevanz und Aktualität der Thematik Waldstrategie
• Das Thema ist „zu groß“, als dass eine Gruppe allein Lösungen verwirklichen kann
• Koordination ist nötig
• Formuliert wird: „Aktuell bereits enormer Druck auf den Wald - und die Nachfrage wird steigen“; aber insbesondere in stadtnahen Randlagen und speziellen Hotspots, keineswegs in „der Tiefe des Waldes“ – dort ist fast niemand
• 65% der Waldnutzer sind nicht Mitglied einer Organisation, eines Vereins

Ökonomische Interessen und lokale Lösungsansätze
• Erste Bezahlangebote, Wald wird punktuell für Freizeitaktivitäten verpachtet oder vermietet
• Heidelberger Stadtwald ist beispielsweise zertifizierter Erholungswald; dort werden über „Runde Tische“ (z.B. mit MTB) Lösungen erzielt; ähnliches gilt für einige Naturparks (nicht mit Nationalparks zu verwechseln)
• „Start-up‘s“ entwickeln völlig neue Modelle der Waldnutzung, in diesem Feld wird noch deutlich mehr an Ideen und Nachfragen erwartet; Gesundheitswald; neue Berufsbilder entstehen, z.B. Waldtherapeuten
• Digitalisierung nimmt Einzug: „Erholungswaldmanagement 2.0“
• Berliner Forstamt möchte waldfremde Stadtmenschen in den Wald führen (gelenkt) und auch spannende Teile zeigen, was z.T. zu Konflikten mit dem Naturschutz führt („vor lauter Rote-Listen-Arten kann man kaum noch gehen“). Aber: Negative Anmerkungen zum OL in Berlin, der Grund ist laut Forstbehörde die nicht zielführende Form der Kommunikation

Gesetze und Verhaltensregeln
• Vieles bezogen auf den Wald ist gesetzlich nicht geregelt und nicht alles wird durch Gesetze regelbar sein
• In Deutschland gilt das Grundrecht auf Naturgenuss und Erholung: Das kulturelle Leben und der Sport ist durch die Gemeinden zu fördern.
• Aber: Respekt vor Eigentum muss gewährleistet sein. Eigentümer haben ökonomische Interessen, „viele leben davon“. Waldnutzung durch Dritte erzeugt pro Jahr angeblich Mindererträge von 45 Euro/ha
• Eigentum und dessen Gebrauch soll zugleich aber dem Wohle der Allgemeinheit dienen (Sozialverpflichtung)
• Erholung sollen die Eigentümer nicht nur erdulden, sondern mitgestalten
• Vertreter des BUND: „Egal wer über die Feuchtwiese geht, alle hinterlassen vergleichbare Spuren“, „man sollte aber weiterhin auch abseits der Wege den Wald entdecken können – aber mit Sensibilität“
• Bundeswaldgesetz, ein Flickenteppich von Landeswaldgesetzen, (ein Vertreter wünscht sich ein verbindlicheres Bundesgesetz „Gesetz zur naturbezogenen Erholung“)
• Das deutsche Betretungsrecht (international ist dies so nicht selbstverständlich) war ein Kompromiss, dafür ist damals eine erhebliche Förderung der forstwirtschaftlichen Belange zugesagt worden!
• „Das freie Betretungsrecht im Wald ist ein hohes Gut, das es zu erhalten gilt“ sagen Eigentümer und Naturschutz! Petitum: keine neuen Einschränkungen!
• Sehr starke Einschränkungen existieren in den 16 Nationalparks in Deutschland; meiner Meinung nach sollte diese Zahl nicht steigen

Ursachen für Konflikte im Wald (Beispiele)
• Häufig massive Schäden durch die Forstwirtschaft selbst
• Witterung, milde Winter sind Ursache für z.T. erhebliche Wegeschäden bei Forstarbeiten, Fällarbeiten; auch wegen geänderter Erntetechnik (Harvester)
• Grünabfälle bzw. Abfälle allgemein
• illegale Trails: Mountainbiker stehen unter Druck; andererseits fördern gerade hochrangige Politiker der Grünen das Radfahren und geraten so in ein Dilemma (eine Chance für den Sport in der Natur)
• Freizeit- und Erlebnisgesellschaft und neue (auch durch Werbung geförderte neue Bedürfnisse, Off-Road-Fahrzeuge)
• Kommunikationsprobleme, auch Missverständnisse, die sich speziell bei spontanen Konfliktsituationen (Begegnungen) im Wald emotional hochzuschaukeln drohen
• Vereine tun sehr viel für umweltverträgliches Verhalten, trotzdem bleiben viele Konflikte

Chancen
• Pragmatische Lösungen sollten das Ziel sein, da hilft Netzwerkbildung und Aufbau von Vertrauen
• Im DOSB über 5 Mio. Natursporttreibende!
• Lösungen nicht nur von den Problemen her denken und in Diskussionen die Latte der Erwartung nicht gleich zu hoch legen
• Die Forstbetriebe haben nicht die Möglichkeit, die gesetzlich vorgeschriebenen Weiterbildungsmaßnahmen zu verwirklichen, auch nicht für Bildung: Wald-Natur-Sport. Also ist eine verstärkte Kooperation mit Verbänden/Vereinen unumgänglich - eine große Chance für den Sport
• Aber: Jede Gruppierung muss Regeln für sich entwickeln und intern auch durchsetzen. Also: Verhaltensregeln für den OL offiziell formulieren (wie bereits in anderen Sportarten geschehen; MTB, Reiten, Geocaching)
• Insgesamt gute Nachrichten für den Wald, Wertschätzung; Herausforderung ist das zukünftige Waldmanagement. Diversifizierte neue Wünsche an den Wald, und das wird sich noch verstärken; Problemzonen Waldränder, Hotspots; aber es gibt insbesondere auch die Tiefe des Waldes ohne Besucher, häufig menschenleer; akzeptierte Definitionen sind nötig, z.B. was ist ein Weg; den Sport positiv einbeziehen, in die Natur und in deren Management, kooperative Regelungen; es werden immer Lücken in Regelwerken bleiben, also Vertrauen, Konflikte mit und zwischen Erholungssuchenden minimieren, als Ziel zwischen allen Akteuren
• „Bei dieser Tagung drehen wir uns erstmals nicht nur im eigenen Interessensbereich, also nicht nur im eigenen Saft“
• „Wir müssen uns alle neu sortieren um neuen Ansprüchen, Wünschen, Hoffnungen gerecht zu werden“
• Gesundheit als Motiv und als Motor
• Verschärfungen der Gesetzeslage ist nicht zu erwarten, aber ob sich Verbesserungen für unseren Sport OL ergeben, das hängt auch von uns ab
• Sich strategischer mit dem Thema Wald auseinandersetzen, Emotionen beachten, Kommunikationslücken ausfüllen
• „Wir sind auf einem guten Weg, aber noch ganz am Anfang“
• Der Sport wird neu wahrgenommen, sogar bei den bisherigen Anti-Koalitionen
• Regionale Lösungen sind wichtig, ebenso die Öffentlichkeitsarbeit

Konkrete Lösungsansätze
• Engere Zusammenarbeit - Runde Tische - Lokale Lösungen
• Regelwerke erstellen und einhalten - Vertrauen entwickeln
• Die Bereitschaft ist inzwischen weitgehend vorhanden

Es ist klar, es gibt viele Abhängigkeiten bei der Durchführung von Natursportarten, speziell bei Genehmigungsverfahren. Wir sollten aber immer vor Augen haben, dass es auch an uns selbst liegt, die drohende Abwärtsspirale in den Möglichkeiten der Ausübung unseres Sports zu stoppen. Das ist keineswegs einfach, erfordert Geduld, Ausdauer und insbesondere seriöse Kommunikation, aber es kann sich lohnen.

Für uns Orientierungssportler ist es sicherlich notwendig, eigene Einschätzungen zu formulieren und verständlich zu dokumentieren, warum wir den Natursport Orientierungslauf tatsächlich als „im Einklang mit der Natur“ empfinden. Das Produkt könnte ein Flyer oder etwas Vergleichbares sein, mit dem wir uns durchaus selbstbewusst nach innen und nach außen positionieren. In diesem Papier sollten nicht nur schöne Worte und hübsche Bilder zu sehen sein, sondern hierin sollten wir uns insbesondere auch auf Regeln verständigen und auf deren Einhaltung verpflichten. Dies z.B. in einem Workshop zu erarbeiten ist eines meiner Ziele bis zum Jahresende 2016.


Autor: Nikolaus Risch & Daniel Härtelt
Eingestellt am 08.05.2016

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