Orientierungslauf in Deutschland


Christiane Tröße im Interview

Nach dem Abgang der Hallenserin Karin Schmalfeld von der internationalen Bühne sah es für eine ganze Weile richtig düster im Elitebereich der Damen aus. In diesem Jahr konnten Christiane Tröße (SV TU Ilmenau) und Esther Doetsch (DJK Adler Bottrop) durch den Einzug in ein A-Finale zur WM erstmals wieder ein Lebenszeichen für Deutschland senden. Ein Meistertitel über die Langdistanz und eine Bronzemedaille zur DM-Mittel krönten eine starke Saison von Christiane. Wie ist das Jahr aus ihrer Sicht gelaufen und wie soll es in Zukunft für die 31-jährige Ilmenauerin weiter gehen?

Christiane Tröße auf der Zielgeraden bei der WM 2012.
Christiane Tröße auf der Zielgeraden bei der WM 2012.  Foto: Fred Härtelt

Hallo Christiane, wie geht es dir aktuell ohne den ganz OL-Stress?

Eigentlich geht der richtige Stress nach den letzten Läufen erst richtig los, weil dann Bewerbungen anstehen, das abgeschlossene Jahr ausgewertet werden muss und die Planung für das kommende Jahr gemacht werden muss.

Ich gebe zu, ich muss des Öfteren an deinen Zieleinlauf zur WM-Qualifikation über die Mitteldistanz in diesem Jahr denken. Als ich dich sah, hätte ich nie gedacht, dass du in das Finale einziehst. Im Gegensatz zu vielen anderen bist du aber im schweren Wald richtig gut durchgekommen. Wie war die Qualifikation für dich?

Ich habe einfach versucht, einen guten Lauf zu machen und nicht an meine nicht allzu gute Vorbereitung zu denken. Das ist mir auch gelungen. Der Lauf war gut, aber nicht perfekt, und im Ziel wusste ich nicht, ob es für ein WM-Finale reichen kann. Den Zieleinlauf habe ich ja zum Glück nicht selbst ansehen müssen, aber ja, da war ich fertig.

Bist du mit deiner Leistung zur WM zufrieden?

Insgesamt ja! Aufgrund meiner Frühjahrssaison mit Trainingspause wegen Überbelastung und 2 Wochen Krankheit direkt vor der WM war ich nicht allzu optimistisch und habe mich deshalb extra über mein A-Finale gefreut. Im Finallauf fehlte mir dann einfach die Grundlage für eine bessere Leistung. Bei der Staffel konnte ich aber noch einmal Kräfte für unser Team mobilisieren.

Wie beurteilst du deine Ergebnisse in der gesamten Saison?

Vieles ist gut gelaufen, manches sehr gut. Aber dieses Jahr hatte ich auch relativ viele WKs die wirklich schlecht waren, und damit bin ich natürlich nicht zufrieden.

Was waren deine größten Niederlagen 2012?

Die Tiomila, wo ich auf der Startstrecke an einem Posten 5 Minuten verloren habe, weil ich die falsche Codenummer gelesen habe. Im Ziel wusste ich nicht, ob ich schreien oder weinen sollte. Bei der EM musste ich einsehen, dass die Beine nicht so wollten wie geplant. Die 5000m Richtzeit konnte ich in diesem Jahr nicht schaffen.

Zur DM sagtest du mir, dass du deine Laufzeit auf der Bahn verbessern möchtest und auch musst. Hast du weitere Ziele für 2013?

Natürlich sind die Hauptziele die WM und ein besserer OLer zu werden. Aber ohne Bahnzeit geht es nicht zur WM.

Christiane gut gelaunt vor der WM.
Christiane gut gelaunt vor der WM.

Du wohnst seit mehreren Jahren in Norwegen und hast sehr gute Trainings- und Wettkampfbedingungen. Wie beurteilst du das Umfeld in Bezug auf deine Entwicklung im Orientierungslauf?

Das Umfeld ist schon sehr wichtig. Ich kann aus einem reichhaltigen Trainingsangebot auswählen und habe erfahrene „alte Helden“, die man um Rat fragen kann. Ich kann mit anderen auf gleichem oder besserem Niveau trainieren und mich im Wettkampf mit der Weltspitze messen. Ein spezieller Glücksfall für meine Entwicklung als OLer war, dass sich jemand die Zeit genommen hat, mir OL-Technik von Grund auf neu beizubringen.

Wir haben uns in den letzten Jahren sehr oft bei Wettkämpfen irgendwo in Europa getroffen. Wie anstrengend ist für dich das permanente Reisen? Macht es dir Spaß?

Klar macht reisen Spaß! Aber es kostet mehr Energie, als man denkt, und das Risiko krank zu werden ist grösser. Deshalb habe ich weniger Läufe nächstes Frühjahr geplant.

Seit vielen Jahren bist du mit Jan Kocbach – dem Macher von World of O - zusammen.
Ich stelle mir daher vor, dass bei euch der Orientierungslauf sehr oft im Mittelpunkt steht. Ist das so und hast du vielleicht manchmal ein wenig die Nase voll vom OL?

Ich habe extrem viel von meinem „o-technischen Trainer“ Jan gelernt und wir haben viel zusammen trainiert und ausgewertet. Seit ein paar Jahren kann er allerdings aufgrund einer Verletzung kaum laufen und da ist es nicht immer nur positiv, von tollen Wäldern und OL-Erlebnissen zu erzählen. Wichtige Läufe stressen, und am Ende einer langen Saison kann ich schon mal die Nase voll haben.

Wer unterstützt dich neben Jan bei der Verfolgung deiner Ziele im OL?

Mein Verein, Varegg IL, Hordaland o-krets und der Bundeskader. Meine Familie hat auch viel Verständnis für meine Eskapaden.

Du bist aktuell als Postdoc in Bergen angestellt. Wie sieht es da mit den Trainingsbedingungen für die nächste Saison aus?

Zeitmäßig ist es ok, da ich eine 80-%-Stelle bekommen habe. Aber ich habe gemerkt, dass die Arbeit fordernd ist, und ich das Stressniveau nicht immer selbst kontrollieren kann.

Wie lange möchtest du Orientierungslauf noch auf hohem Niveau betreiben?

Auf jeden Fall noch das nächste Jahr. Weiter weiß ich noch nicht. Man wird ja auch nicht jünger.

Hast du eigentlich jemals an den Status eines OL-Profis gedacht?

Dazu hat mir das Selbstvertrauen gefehlt. Ich hätte ein paar Profijahre gebraucht, um erstmal so gut zu werden, dass es sich wirklich gelohnt hätte. Und wenn man dann nicht erfolgreich ist, ist die Fallhöhe ziemlich groß. Eine „normale“ Laufbahn mit Studium und Arbeit erschien mir einfach sicherer und angebrachter.

Vielen Menschen orientieren sich an Vorbildern, denen sie dann nacheifern. Hast du so jemanden beim OL?

Nein. Aber bei manchen Leuten bewundere ich gewisse Eigenschaften oder Methoden.

Du machst nun schon seit vielen Jahren Orientierungslauf. Was reizt dich daran?

Das Naturerlebnis. Die physische und mentale Herausforderung. Immer neu, immer anders. Posten finden macht einfach Spaß!

Du kommst aus Ilmenau. Dein Verein und deine Familie sind im SkiO sehr aktiv. Startest du auch mal auf Skiern, beim MTBO oder TrailO?

Ich habe früher auch viel SkiO gemacht, habe aber hier keine guten Voraussetzungen für Schneetraining. MTBO habe ich ausprobiert, gibt es hier aber kaum. TrailO ist lustig, hat aber eigene Techniken und Regeln, die man können muss, um gut zu sein. Und man kann seinen Frust nicht einfach abrennen.

Jan ist als Erfinder von World of O ein Visionär, der den OL stetig weiter voran bringt. Wo würdest du den OL bzw. den gesamten Orientierungssport in Zukunft gern sehen?

Im Fernsehen. Und zwar echten Wald-OL.
Es wäre toll, wenn mehr Leute OL ausprobieren würden, oder zumindest wüssten, was OL eigentlich ist.


Vielen Dank für das umfassende Interview und weiterhin viel Erfolg.


Autor: Daniel Härtelt  (Team für Öffentlichkeitsarbeit)
Eingestellt am 29.11.2012

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