Orientierungslauf in Deutschland


Ein halbes Jahrhundert IOF

Im Juni 1961 wurde in Kopenhagen die International Orienteering Federation gegründet. Unsere Sportart ist also nun 50 Jahre lang ein international anerkannter Verbandssport. Natürlich ist das ein guter Grund, stolz zu sein, andererseits aber auch eine Gelegenheit, einmal inne zu halten und über die Geschichte wie die weitere Entwicklung nachzudenken.

Im ersten Ansatz wird sich sicherlich mancher die Frage stellen, wie es kam, dass unser Orientierungssport, der schließlich schon vor über hundert Jahren mit dem ersten Wettkampf im norwegischen Gröttum seine Premiere feierte, so lange brauchte, bis er zu einem weltweiten Verband zusammenfand. Als Antwort darauf findet man in der Geschichte unseres Sports ein langsames aber gründliches Wachstum in verschiedenen Nationen auf unterschiedliche Art, welches zwischen den beiden Weltkriegen jedoch nur wenig Raum für völkerverbindende Aktivitäten fand. Möglicherweise mag auch das Vorurteil, Orientierungslaufen sei so etwas wie Militärsport (...was ja heute leider immer noch mal zu hören ist) mit dazu beigetragen haben, die OL-Aktivitäten weitgehend in den einzelnen Nationen zu belassen. Erst, als die Schrecken der Kriegsjahre endgültig überstanden waren, überschritt der OL überall die Ländergrenzen.

Missionsreisen der Skandinavier und eigene Wegfindungen


Die Skandinavier, bei denen sich zuerst ein fundiertes Wettkampfgefüge gebildet hatte, reisten in den fünfziger Jahren als eine Art „OL-Missionare“ in westeuropäische Länder und stellten dort ihre Natursportart vor. So veranstalteten sie beispielsweise am 4.8.1958 auch im westfälischen Arnsberg bei starker Medienpräsenz und großem Zuschaueraufkommen einen Muster-Orientierungslauf, der zuerst euphorisch als der Beginn des OL in der Bundesrepublik gefeiert wurde, dann aber - was die Weiterentwicklung betraf - keine nennenswerten Folgeaktivitäten nach sich zog.

Anders lief dagegen die OL-Entwicklung im Osten Deutschlands. Dort entstand der OL aus dem Touristischen Skilanglauf, einer Art Ski-OL in Zweierteams. Einem im Dezember 1952 von der Fachkommission Alpinistik gefassten Beschluss, zukünftig DDR-Meisterschaften im Touristischen Skilanglauf durchzuführen, folgten zum Februaranfang 1953 die ersten Bezirksmeisterschaften im Harz (Schierke) und im Erzgebirge (Oberwiesenthal), ehe es zum Februarende 1953 in Zella-Mehlis zu den ersten DDR-Meisterschaften kam.

Die sozialistischen Staaten drängten


Ähnlich entwickelten sich die OL-Aktivitäten in verschiedenen damals sozialistischen Staaten Europas. So war es nicht verwunderlich, dass sie es waren, die zuerst auf die Bildung eines internationalen Verbandes drängten. Den Skandinaviern gelang es, 1961 Ost und West zu einer gemeinsamen Konferenz nach Kopenhagen zu rufen, wo es am 25. Juni 1961 zur Gründung der International Orienteering Federation kam. Wie Erik Tobé, der erste IOF-Präsident, sich erinnerte, nahmen die folgenden zehn Nationen an der Gründungsversammlung teil: Bulgarien, Tschechoslowakei, Dänemark, DDR, Finnland, Ungarn, Norwegen, Schweden, Schweiz und die Bundesrepublik. Als Repräsentant der DDR wurde Dr. Edelfried Buggel als einer der Vizepräsidenten in den ersten IOF-Vorstand gewählt. Wer die Bundesrepublik damals vertreten hat, ist nicht mehr feststellbar, denn der OL befand sich in diesen Jahren in einem noch ziemlich konfusen Anfangsstadium und war sowohl im Deutschen Turnerbund als auch im Deutschen Skiverband angesiedelt.

Nun ging es mit dem internationalen OL schnell voran. Nach zwei Europameisterschaften 1962 in Löten/NOR und 1964 in Le Brassus/SUI kam es 1966 zur ersten OL-Weltmeisterschaft in Fiskars/FIN.

Heutige OL-Oldies waren schon dabei


Es spricht für die Orientierungsläufer unseres Landes, dass man einige heute noch(!) bei uns aktive Läufer in der Ergebnisliste der zweiten EM in der Schweiz findet. Es waren Uta Kuckert, heute Thämelt (als 16.) Erika Wauer, heute Conrad, (als 19.) Rolf Heinemann (als 22.) und Helmut Conrad (als 28.). Mit ihnen findet man in den Ergebnissen der ersten OL-WM in Finnland noch Ulrike Heinemann (als 20.). Heute noch aktive OL-er aus der damaligen Bundesrepublik starteten zuerst bei der dritten OL-WM in Friedrichsroda/DDR, wo Luise Gruhn (als 37.), Hadmut Hindorf (als 39.), Frank Finkenstädt (als 40.), Jörg Herbrand (als 50.) und Günter Gohde (als 55.) ins Ziel kamen.

Die IOF steuerte und prägte unseren Sport


Für die IOF gab es in den nachfolgenden Entwicklungsjahren des OL viel zu tun. Aufgeteilt in verschiedenen Fachkommissionen (wie z.B. Wettkampfkommission, Kartenkommission) galt es, den OL in verschiedenen Organisationsformen, durch Statuten und Regelwerke auf ein Niveau zu bringen, welches den Ansprüchen des internationalen Sportes standhalten konnte. Die Mitteldistanz und der OL-Sprint kamen mit ins internationale Meisterschaftsprogramm, Park-Races und Mountain-Marathons machten die Sportart vielseitiger. Der Ski-OL, der Mountainbike-OL und der Trail-O kamen mit den Jahren hinzu und komplettierten den Orientierungssport als wohl facettenreichste Natursportart der Welt. Nur eines ist den Orientierern bisher noch nicht gelungen: Der ersehnte Einzug ins Olympische Programm. Der IOF-Vorstand, die Delegierten der einzelnen Kommissionen und letztlich die Orientierungsläufer aus heute 73 IOF-Mitgliednationen haben viel dafür getan, diesen wichtigen Schritt endlich zu schaffen. Doch es sieht nicht gut aus. Zu groß erscheint der Aufwand, den OL zuschauergerecht in den Medien zu präsentieren, zu groß ist der Einfluss der internationalen Medien auf das Olympische Komitee sowie dessen Programmgestaltung.

Doch all das möge uns nicht davon abhalten, den OL weiter passioniert zu betreiben und weiterhin unsere besten und im eigenen Verband aktivsten Macher wie Entscheidungsträger in die Kommissionen der IOF zu entsenden, damit der OL weiterleben kann... zunächst für das kommende halbe Jahrhundert.

Quellen: Erik Tobe „My Early Days in Orienteering“ IOF 97; Rolf Heinemann „38 Jahre OL in der DDR“;
„Szelerosza 82“, Ungarn.


Autor: Peter Gehrmann
Eingestellt am 20.12.2011

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