Orientierungslauf in Deutschland


Nahaufnahme von Bjarne Friedrichs

Bjarne Friedrichs schaffte 2011 als einziger Deutscher den Sprung in ein A-Finale bei den Weltmeisterschaften in Frankreich. National sammelte der 21–jährige Seesener in diesem Jahr einen kompletten Medaillensatz. Der Bronzemedaille zur DM-Mittel folgten Gold bei den Deutschen Staffelmeisterschaften und Silber zur DM-Langdistanz. Wie Bjarne so starke Leistungen abrufen konnte, wird in einem Interview hinterfragt.

Bjarne Friedrichs
Bjarne Friedrichs  Foto: Daniel Härtelt

Hallo Bjarne. Wie geht’s dir aktuell so ohne den „OL-Stress“?
Die Saison war lang und kräftezehrend. Hinzu kommen meine Aufgaben als Kartierer und Bahnleger für die DBK Ultralang nächstes Jahr, für die ich ebenfalls viele Stunden im Wald verbracht habe. Deshalb bin ich jetzt noch froh drum, nicht dauernd unterwegs zu sein. Aber das ändert sich sicher bald wieder!

Mich persönlich haben deine Performance und deine Selbstsicherheit bei den Weltmeisterschaften in Frankreich stark beeindruckt. Trotz der ganzen Stars der Szene und den Medienvertretern hast du sehr gute Läufe gezeigt und warst danach auch immer ohne irgendwelche Allüren ansprechbar. Denkst du heute noch an Frankreich zurück?
Manchmal. Es war eine tolle neue Erfahrung und alles noch viel größer als bei den Junioren. Und es war beeindruckend, dass endlich einmal wieder im Vordergrund stand, die Posten überhaupt zu finden.

Hast du deine Ziele in Frankreich erreicht?
Mein Traumziel für die Saison hatte ich schon mit der Qualifikation für die WM erreicht. Vielleicht konnte ich dort deshalb so befreit laufen. Die Qualifikation fürs Finale war dann natürlich der absolute Höhepunkt!

Hat dir die WM Spaß gemacht?
Ja, sehr! Es waren unglaublich anspruchsvolle und abwechslungsreiche Gelände, die einem auch im Trainingstempo schon alles abverlangten. Und man konnte dort am Bildschirm und sogar im Wald erleben, dass auch die Stars nur Menschen sind und Fehler machen.

Wenn ich mir deine Ergebnisse 2011 anschaue, dann hast du kontinuierlich starke Leistungen gezeigt. Was sind aus deiner Sicht deine größten Erfolge in diesem Jahr?
Ohne Frage zuallererst die Final-Qualifikation in Frankreich. Darüber hinaus bin ich mit einem Etappensieg und dem 5. Gesamtrang beim OrienteeringOnline Cup sowie Platz 20 beim SpringCup international sehr zufrieden. Mit einem kompletten Medaillensatz im ersten Elitejahr kann ich aber auch national durchaus nicht meckern.

Was waren deine größten Niederlagen 2011?
Die verdrängt man so gerne… abgesehen von meiner Achillessehnen-Verletzung, die mir im Frühjahr 9 Wochen Laufpause eingebrockt hat, fallen mir gerade höchstens die Niederlagen gegen Patrick Hofmeister bei der LM Mitteldistanz und beim 3000m-Test gegen die Uhr (um 6 Hundertstel Sekunden an der Bestzeit vorbei) ein. Und die Niederlagen gegen einen Westfalen bei den JLVK-Betreuerläufen…

Du hast sicher schon deine Ziele für das nächste Jahr definiert. Welche sind das?
Genau da ist der Haken – aufgrund der Anwesenheitspflicht in der Uni (Bologna-Prozess = verschultes Studium…) muss ich erst klären, wie viel und wann ich freibekomme. Ich würde gerne EM, Studenten-WM und WM laufen. Was dann möglich ist, weiß ich leider noch nicht.

Möchtest du dich auch durch einen Start für einen skandinavischen Verein weiterentwickeln?
Ich habe gerade Kontakt mit mehreren Vereinen. Es bleibt abzuwarten, in welchem Trikot ich dann 2012 oder spätestens 2013 auftauche. Schließlich steht dann ja die WM in Finnland auf der Agenda.

Aktuell hast du als Student zumindest auf dem Papier keine schlechten Voraussetzungen. Wie sieht es in deinem studentischen Leben aktuell aus?
Gerade ist es etwas stressig, aber dafür werden die nächsten Semester wieder entspannter und zumindest genug Zeit für das Training zu Hause lassen. Längere Trainingslager oder Wettkämpfe in Skandinavien lassen sich leider nur in der vorlesungsfreien Zeit und sonst nur wohl dosiert einbauen. Ansonsten liegt der geringe Trainingsumfang aber eher an der Verletzung, denn außerhalb der bei uns sehr kurzen und heftigen Prüfungsperioden hatte ich da kaum Einschränkungen hinzunehmen.

Wie lange möchtest du Orientierungslauf auf hohem Niveau betreiben?
Zumindest solange ich studiere, möchte ich das auf jeden Fall. Was danach noch möglich ist, wird sich zeigen.

Würdest du auch ähnlich wie andere Profi-OL’er halbtags arbeiten oder ganztags trainieren?
Wenn das finanziell einmal möglich sein sollte, kann ich mir das vielleicht vorstellen. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg!

Was wäre, wenn du finanziell für den Orientierungslauf unbegrenzte Mittel hättest? Wie würde dann dein Alltag aussehen?
Ich denke, ich würde deutlich mehr trainieren, häufig zweimal am Tag. Außerdem würde ich versuchen, mehr OL-Training zu machen und das mit Reisen zu verbinden.

Wer waren bzw. sind aktuell deine größten Unterstützer?
Zuerst natürlich meine Eltern und meine Trainerin Heidrun Finke. Aber auch meinem Verein, dem MTV Seesen, sowie meinen langjährigen Sponsoren Acky’s Fitness, Seesener Beobachter, Wirtschaftsbetriebe Stadt Seesen sowie Förderverein Seesener Leichtathleten habe ich viel zu verdanken! Speziell in der vergangenen Saison hat mich außerdem das Training mit der LG Göttingen voran gebracht.

Hast du eigentlich Vorbilder im OL?
Keine konkreten, aber ich bewundere es, wie souverän die Großen der Szene mit dem Sport umgehen und sich auch durch den Wald bewegen. Da gibt es zu viele gute Beispiele, um eines auszuwählen!

Im Orientierungslauf muss man gerade als Leistungssportler einen besonderen Antrieb haben. Warum machst du Orientierungslauf`?
Es macht mir Spaß, in allen möglichen Ländern und Landschaften nur auf mich gestellt durch den Wald zu laufen. Leichtathletik wäre mir auf Dauer viel zu langweilig. Da meine Stärken auch eher im O-technischen Bereich liegen, mag ich natürlich möglichst außergewöhnliche und anspruchsvolle Gelände am liebsten.

Hast du das Gefühl, dass du durch den Orientierungslauf etwas dazugelernt hast?
Ich denke, in Verbindung mit dem OL lernt und macht man viele Dinge, die einem helfen. Die wichtigsten Fähigkeiten, die geschult werden und die ich hier nennen möchte, sind Zielstrebigkeit, Organisationsfähigkeit und Zeitmanagement. Es gibt aber sicher noch viel mehr.

Startest du auch mal auf Skiern, beim MTBO oder TrailO?
Den ein- oder anderen Ski-Orientierungslauf im Harz habe ich schon mitgemacht und auch einen MTBO-Lehrgang. TrailO konnte ich bisher leider noch nicht ausprobieren. Aber ich glaube, mein Schwerpunkt wird noch lange auf dem Fuß-OL liegen.

Meine abschließende Frage wäre: was würdest du dem Orientierungslauf in der Zukunft wünschen?
Etwas kritisch beobachte ich die Diskussionen, die in der IOF um das neue WM-Programm und damit die zukünftige Entwicklung der Sportart geführt werden. Ich wünsche dem OL, dass er sein Gesicht wahrt und die eigentliche Idee, der Kampf gegen die Uhr alleine in der Natur, trotz aller wirtschaftlichen Erwägungen beibehalten wird. Damit sollten wir uns profilieren und so die Sportart in ihrem ursprünglichen Sinne erhalten!

Vielen Dank für das umfassende Interview und weiterhin viel Erfolg.
Diesen Dank möchte ich gerne an das Presse-Team zurückgeben. Ich denke, ich spreche da für viele deutsche OLer – Es ist schön, dass wir dank Euch immer aktuelle News aus der OL-Welt erhalten. Macht weiter so!

Das Interview führte Daniel Härtelt.


Mehr:
Profil Nationalteam Bjarne Friedrichs

Autor: Daniel Härtelt  (Team für Öffentlichkeitsarbeit)
Eingestellt am 30.11.2011

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