Orientierungslauf in Deutschland


Nationalteam ohne Christian Teich

In der abgelaufenen Saison führte auf nationaler Ebene kaum ein Weg an Christian Teich vorbei. Er gewann 2010 in der Herren-Elite fast alles, was es zu gewinnen gab, konnte aber auf internationaler Ebene kein Ausrufezeichen setzen. Nun hat er sich, ähnlich wie Torben Wendler, entschieden im nächsten Jahr nicht für die Nationalmannschaft zu starten. Ein ausführliches Interview soll die Hintergründe und die Saison beleuchten und auch den Menschen Christian Teich etwas näher vorstellen.

Christian Teich bei der WM in Trondheim
Christian Teich bei der WM in Trondheim

Hallo Christian. Wie fühlst du dich nach dieser langen OL-Saison 2010?
Etwas müde im Kopf, aber die Beine können noch Gas geben.

Gehen wir gleich zu den wesentlichen OL-Fragen. Bist du zufrieden mit dieser Saison?
Auf der einen Seite bin ich mit der nationalen OL-Saison zufrieden, auf der anderen Seite mit der internationalen OL-Saison nicht. Bei der WM konnte ich mein Potenzial nicht voll abrufen und das hat mich natürlich wahnsinnig beschäftigt und auch gewurmt, da die läuferische Verfassung bei der WM gut war und ich mir Chancen auf die Verbesserung meines besten Resultates ausgerechnet hatte. Leider fand die WM auch mitten in der Prüfungsphase statt, sodass mir die nötige Ruhe im Kopf gefehlt hat.

Was sind deine größten Erfolge in diesem Jahr?
Sicherlich stellen die Siege bei den Deutschen Meisterschaften im Staffel-, Lang- und Mitteldistanz-OL meine größten Erfolge im Orientierungslauf in diesem Jahr dar. Der Sieg beim Deutschland-Cup im Siegerland war sicherlich der größte Erfolg mit meinem Verein, nachdem wir im letzten Jahr Zweiter waren.

Was waren deine größten Niederlagen 2010?
Die WM-Sprint Qualifikation, da ich einen super Start hatte, aber im nicht wirklich anspruchsvollen Waldabschnitt nicht die nötige Coolness hatte das Tempo rauszunehmen und durch dumme Fehler um die Qualifikation brachte. Genauso bei der WM-Langdistanz Qualifikation, als ich einen Posten schon sah, ihn aber nicht als meinen deklarierte und 3 Minuten weiter suchte und somit wertvolle Zeit verschenkte.

Wir sind früher zusammen viel umhergereist. Ich hatte immer das Gefühl, dir macht es Spaß Land und Leute kennenzulernen und auch fernab des Sports neue Erfahrungen zu sammeln. Ist es für dich immer noch so spannend so viel unterwegs zu sein oder strengt es dich inzwischen mehr an?
Im Moment ist es sehr anstrengend sehr viel Zeit in den OL zu investieren, viel zu reisen und immer wieder Wettkämpfe zu bestreiten. In diesem Jahr hab ich mich auch mit dem Reisen etwas zurück genommen. Ich habe gemerkt, dass nicht die Anzahl der Wettkämpfe wichtig ist, sondern die Qualität. Reisen kostet leider auch immer viel Kraft und Zeit, die besser in Training investiert wäre und somit werde ich im nächsten Jahr auch noch weniger Wettkämpfe bestreiten.

Zieleinlauf der Staffelentscheidung zur WM in Trondheim
Zieleinlauf der Staffelentscheidung zur WM in Trondheim

Du startest auch für einen schwedischen Verein. Warum hast du nie den Schritt ganz nach Skandinavien gemacht?
Naja, ich war ja schon für ein halbes Jahr in Norwegen, habe meine berufliche Perspektive jedoch eher in Deutschland gesehen. Vielleicht ändert sich das ja eines Tages noch.

Hat sich der Start für den schwedischen Verein bisher gelohnt?
Absolut! Also ich bin mit der familiären Art und Weise meines schwedischen Vereins OK Hällen sehr zufrieden. Ähnlich, wie mein Heimatverein SSV Planeta Radebeul ist es eine sehr lockere Stimmung, die zwischen allen Leuten egal welchen Alters herrscht. Ich denke, dass das Vertrauen, welches mir bei den großen Staffeln wie Tio Mila und Jukola entgegengebracht wurde, mich sehr weit nach vorn gebracht hat. Besonders, dass ich mehrmals die Schlusstrecke der Tio Mila Mannschaft laufen durfte zeigt mir, dass sie große Stücke auf mich setzen. Ich habe im Verein auch sehr viele Freunde gefunden.

Wie sieht es in deinem studentischen / beruflichen Leben aktuell aus?
Zurzeit bin ich mit meinem Studium fertig und werde im Januar beginnen, Vollzeit zu arbeiten.

Möchtest du weiter Orientierungslauf auf hohem Niveau betreiben?
In diesem Jahr habe ich beschlossen, dass ich mich nicht mehr für den Kader bewerben werde, weil ich rein beruflich nicht weiß, wie viel Zeit mir zum Training noch bleibt. Außerdem weiß ich auch nicht, inwiefern ich die Pflichten eines Kaders mit einer 40-Stunden-Woche und Arbeit am Wochenende erfüllen kann. Daher diese Entscheidung. Ich werde aber weiterhin versuchen, national auf einem hohen Niveau zu laufen.

Wie viel hast du dieses Jahr trainiert?
Durch meine Verletzungen in diesem Jahr konnte ich leider nicht so viel trainieren, wie ich wollte, aber ich komme auf knapp 500h und ca. 3000 Laufkilometer. Hinzu kommen natürlich noch Alternativtrainings, die einen großen Umfang hatten, wie Radfahren, Skilaufen oder Krafttraining.

War es schwer Studium und Training unter einen Hut zu bringen?
In diesem Jahr schon, da ich meine Diplomarbeit geschrieben habe und meine Abschlussprüfung absolvierte. In den anderen Jahren war es durch die Fördermaßnahme „Partnerhochschule des Spitzensports“ an der Universität Leipzig möglich das Studium gut mit dem Training zu kombinieren.

Was hättest du gemacht, wenn du nicht so viel trainiert hättest?
Ich hätte öfter am Wochenende etwas anderes unternommen und hätte mehr arbeiten können.

Was sind deine Ziele für das nächste Jahr?
Erstmal möchte ich im Berufsleben ankommen. Bestimmte Ziele für die kommende Saison habe ich mir noch nicht gesteckt, aber ich würde gern einen meiner Meistertitel verteidigen.

Würdest du auch ähnlich wie andere Profi-OL’er halbtags arbeiten oder ganztags trainieren?
Ich habe sehr viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es nicht machen könnte, da ich in den letzten Jahren immer von Verletzungen zurückgeworfen wurde, würde ich mir den Druck der damit verbunden ist nicht auferlegen. Ich glaube auch, dass es in dem Ausmaß, wie es einige Schweizer oder Skandinavier betreiben sicherlich nicht möglich ist, da in Deutschland dafür die Mittel fehlen.

Beneidest du manchmal die anderen Nationen oder Sportler wegen ihrer Möglichkeiten und Unterstützung?
Manchmal schon. Die Möglichkeit für 3 Wochen nach Südafrika zu fliegen und nichts anderes zu machen als zu trainieren ist schon sehr verlockend. Auch die Unterstützung bezüglich der Ausrüstung ist natürlich für andere Athleten von Vorteil. Bis 2008 wurde ich auch noch unterstützt. Danach gab es von den Deutschen OL Shops keine Unterstützung mehr, obwohl ich versucht habe sie immer gut repräsentieren.

Wer waren bzw. sind deine größten Unterstützer finanziell und auch im Leben?
Als Erstes muss wohl meine Familie und meine Freundin genannt werden, die mich über die Jahre immer unterstützt haben. Sowohl finanziell als auch mit Taten, um mich weiter nach vorn zu bringen. Mein Verein (Planeta Radebeul) gab mir die nötige finanzielle und materielle Unterstützung, um ein guter Orientierungsläufer zu werden und stellte auch die nötigen Trainings. Meine Universität gab mir den Freiraum auch einmal eine Klausur verschieben zu können, wenn ich zu wichtigen Wettkämpfen oder Trainingslagern reiste. Mein Trainer Tilo Pompe hatte immer die richtige Empfehlung für das Training und unterstütze mich maßgeblich in der Trainingsgestaltung. Materiell wurde ich über einige Jahre von einem großen OL-Shop unterstützt, zusätzlich auch über Vereinssponsoren oder regionale Förderer. Sehr viel finanzielle Unterstützung erhielt ich auch vom Kreissportbund Meißen und der Stadt Radebeul, die es mir ermöglichten zur Europameisterschaft nach Lettland 2008 zu fahren.

Hast du das Gefühl der Orientierungslauf hat dich auch menschlich weiter gebracht?
Die Wettkampfreisen und das tägliche Training prägten bisher meine Zielstrebigkeit, auf den Punkt fit zu sein. Ähnliches habe ich in meinem Studium verfolgt.

Hat bzw. hatte jemand so erfolgreiches wie du eigentlich Vorbilder im OL?
Ich habe immer versucht ich selber zu sein und danach zu streben, mich täglich zu verbessern. Ein großes Vorbild auf dem Weg war sicherlich Frauke Schmitt Gran, die bisher als Einzige eine Einzelmedaille für Deutschland gewinnen konnte. Davon habe ich auch immer geträumt, aber ich musste erfahren, dass es ein harter und steiniger Weg bis zu einer Medaille ist, den ich bis jetzt nicht geschafft habe.

Meine abschließende Frage wäre: Was würdest du dem OL als Ganzes wünschen?
Ich würde dem OL wünschen, dass noch mehr Leute den Weg zu dieser wunderschönen Sportart finden und dass die Qualität der Veranstaltungen mit den Ansprüchen der Sportler wächst. Ich hoffe für die Zukunft, dass OL einmal den Sprung weg von einer Randsportart zu einer etablierten Sportart im deutschen Sportsystem schafft.

Vielen Dank für das umfassende Interview und weiterhin viel Erfolg.

Bildquelle: Homepage WM Trondheim, Daniel Härtelt


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Autor: Daniel Härtelt  (Team für Öffentlichkeitsarbeit)
Eingestellt am 26.11.2010

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