Orientierungslauf in Deutschland


Der Auspuff-Spezialist aus Ükeritz

Vorwegsetzen möchte ich nach 20 Jahren Wiedervereinigung die heute nicht mehr jedem präsenten damaligen Verhältnisse im Sportverkehr zwischen der BRD und der DDR. Im Rahmen eines innerdeutschen Sportvertrages gab es nur wenige vereinbarte Sportbegegnungen zwischen den beiden deutschen Staaten. Eine davon fand im Orientierungslauf statt und bestand in der Teilnahme einer BRD-Vertretung am Int. Ostsee-OL in der DDR.

Ostsee-OL Logo
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Die Begegnung fand unter folgenden Bedingungen statt: 12 BRD-Teilnehmer, der Delegationsleiter(Trainer) inbegriffen, Einreise am Freitag, Einzellauf am Samstag, Staffel am Sonntag und Ausreise direkt danach. Objektiv gesehen war die Reise an die DDR-Ostseeküste vorbereitungsaufwendig, umständlich, stressig, anstrengend und sportlich wenig effektvoll. Dennoch: Jeder wollte mit, und genau darin lag das Geheimnis, welches sich erst in der Wende richtig erklärte: Die rein menschliche Begegnung außerhalb jeder Politik, das war der Höhepunkt.

Nach der Wende bekamen es alle aufmerksamen Bundesdeutschen mit, was wir damals bei unseren Besuchen beim Ostsee-OL bereits erfuhren: Bei den Ostdeutschen war eine Spezies von Mensch noch nicht ausgestorben, die es bei uns im Westen schon nicht mehr gab, nämlich die, welche - technisch gesehen- noch in der Lage waren, aus einem leisen Flatus einen gewaltigen Donnerschlag zu produzieren. Ostdeutsche Handwerker konnten noch das, was wir früher auch mal gekonnt hatten: Defekte genial einfach zu überbrücken, anstatt immer nur durch Neuteile einzubauen.

Dieses wurde nach der Wende eine Art „innerdeutscher Schatz“ welchen die anderen westeuropäischen Länder zweifellos nicht hatten. So war es für mich ein Vergnügen, einem benachbarten Österreicher klar zu machen, dass die deutschen Touristen einmal „ nicht nur die blöden Piefkes sind, die nix anderes können als mit Skiern geradeaus zu fahren.“

Während der Ski-OL-Welcupläufe in Windischgarsten im Januar 92 setzte heftiger Schneefall ein, der in einer Nacht satte 60 Zentimeter Neuschnee brachte. Irgendwie stellte ich mich beim Freischaufeln meines Autos ziemlich dösig an, ließ zu viel Schnee auf den Wischerblättern, so dass ein Kugelgelenk völlig überlastet brach. Ich musste heim, berufliche Pflichten warteten, aber mit den defekten Scheibenwischern war bei weiter anhaltendem Schneefall jede Fahrt lebensgefährlich.
Böses ahnend suchten Brunhilde und ich eine Autowerkstatt auf, wo sich die unguten Vorahnungen auch gleich bestätigten: „Das wird ein- oder zwei Tage dauern, ehe wir aus Linz das Ersatzteil herschaffen können“, meinte der Monteur, indem er das defekte Gelenk betrachtete.

Zwei Tage wegen eines defekten Scheibenwischers, das durfte nicht sein!

Völlig beiläufig, halb zu Brunhilde und halb vor mich selbst hinblubbernd begann ich - unter dem vorgetäuschten Thema „ Was alles so passieren kann“ jene wunderbare Geschichte vom Auspuff-Spezialisten aus Ükeritz zu erzählen. Der am Wischerblattgelenk noch schraubende österreichische Monteur sollte gerade das in voller Breitseite mitbekommen, was wir Deutschen nach unser Wiedervereinigung noch einmal neu erfuhren:
Beim Ostsee-OL auf Usedom, in den achtziger Jahren, blieb ich mit dem Auspuff meines voll beladenen Toyota derart unglücklich an einer Tor-Bodenhalterung hängen, dass die Auspuffrohre regelrecht zu einem Schrottklumpen zusammengequetscht wurden. Aus! Totalschaden! Neuer Toyota-Auspuff ! Keine Chance, die Heimreise vertragsgerecht am gleichen Tage noch anzutreten!

Toyota Auspuff und Replik
Toyota Auspuff und Replik

Doch die OL-Kameraden vom damaligen DWBO ( Deutscher Verband für Wandern, Bergsteigen und Orientierungslauf) sahen das anders. Sie brachten mich und meinen auspuffverklumpten Toyota zu einem jungen Mann im Usedom-Dörfchen Ükeritz, der irgend etwas mit LKW-Kombinat oder ähnlichem zu tun hatte. Dieser begann ungeachtet des Sonntagmorgens und der (meinerseits) vermeintlichen Aussichtslosigkeit sogleich zu werkeln. “Komm mal so nach zwei - drei Stunden wieder,“ meinte er.
Ich lief meinen OL mehr schlecht als recht und machte mich dann versehen mit all dem DDR-Geld, welches wir im bundesdeutschen Team zusammengeworfen hatten, auf den Weg zum jungen Auspuffmonteur.
„Das schafft der doch nie, so auf dem Garagenhof einen Toyota-Auspuff nachzubauen“, dachte ich. Doch als ich bei der Garage ankam, lag ein kompletter Toyota-Auspuff neben meinem Auto auf dem Boden - nachgebaut mit allen Krümmungen.
„Nur noch eben auf Dichtigkeit prüfen und anschrauben“ meinte der Junge. Dass der Auspuff in wenigen Minuten angeschraubt und auf Anhieb sofort dicht war, überraschte mich schon nicht mehr. Bei dem Jungen war wohl alles möglich.

Ich spürte regelrecht wie es im Kopfe des Monteurs arbeitete, als er diese Geschichte so nebenher (was er ja sollte) mitbekam: “Dieser verdammte Piefke führt mich jetzt hier mit seinem Experten aus der Wiedervereinigung vor.“

„Vielleicht lässt sich da doch noch was machen“ meinte der Österreicher zögernd. Dann schraubte er von einem alten Auto im Hof ein Kugelgelenk ab, schweißte mein Wischerblatt mit einer Lasche daran, und kurze Zeit später fuhren Brunhilde und ich in Hochstimmung nach Hause.

Der Auspuff von Ükeritz überlebte damals den Toyota….und später der zusammengeschweißte Scheibenwischer den Volvo….und vielleicht hatte auch der Österreicher sein Erfolgserlebnis: Er konnte es auch noch… das brillant Einfache.

OL-Geschichten rund um den Mauerfall vor 20 Jahren


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Autor: Peter Gehrmann
Eingestellt am 16.11.2009

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